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Zwangsverlangsamt in der Krise. Was nun?

Krise_Chance, Gefahr © Franz J. Schweifer

Bisher schien das Credo „schneller – höher – weiter“ nicht nur ein olympisches Gebot, sondern auch unser unausweichlich tägliches Brot. Und im postmodernen Beschleunigungszeitalter war eine Alternative zum inflationären „Keine Zeit!“-Lamento nahezu undenkbar. Bis jetzt. Aber in der viralen Krise ist alles, jedenfalls vieles völlig anders: Zwangsverlangsamung, Stille, Zeit. Viel Zeit. Zumindest für das Gros der Menschen. Was nun?

Unser Zeit-Verhältnis ist an sich reichlich widersprüchlich. Denn die einen wollen sich keine Zeit für Muße oder Auszeit leisten, weil sie viel und gerne arbeiten. Und die anderen können sich diese nicht leisten, weil sie so viel arbeiten müssen – etwa um wirtschaftlich zu überleben. Wiederum andere verfügen ungewollt über einen Überfluss an Muße und Zeit, weil sie durch Arbeitslosigkeit, Behinderung, Krankheit – oder die aktuelle Pandemie – zwangsentschleunigt sind.

Quasi „u(h)rplötzlich“ sind mit der Krise bisherige Logiken und Gewohnheiten auf den Kopf gestellt. Und die bisherige Minderheit der Zwangsentschleunigten wächst zur großen Mehrheit. Eine völlig neue Erfahrung, die zweifellos viele herausfordert, zuweilen auch überfordert.

Ach du (un-)liebe Krisenzeit!

Die sogenannte Krise ist zwar in aller Munde, aber deren Kernbedeutung keineswegs immer klar. Dabei kann es erhellend sein, zu wissen, wovon genau die Rede ist. Krise – vom Griechischen κρίσις, krísis (ursprünglich „Meinung“, „Beurteilung‘“, „Entscheidung“) – bezeichnet einen Höhepunkt oder Wendepunkt einer kritischen Lage. Sie ist also eine Zeit der Entscheidungen. Entweder zum Guten, zur Katharsis (Reinigung). Oder zum Schlechten, zur Katastrophe (Niedergang).

Jeder Krise ist immanent, dass sie zur Gefahr oder zur Chance, zur lieben oder unlieben Zeit werden kann. Und dass wir Menschen gefordert sind, diese Wendezeit zum Guten zu wenden. Ermutigend in dem Zusammenhang: Es zeigt sich immer wieder, dass gerade in der Not, fernab der Komfortzone, besondere Tugenden entwickelt werden und Krisen den menschlichen Erfindungs- und Problemlösungsgeist beflügeln. Eine Binsenweisheit, die auch empirisch und historisch vielfach belegt ist.

Dabei scheint gerade in Krisenzeiten auch der Humor fröhliche Urständ´ zu feiern – sei es als Ventil oder auch als paradoxe Intervention (s. auch Zeichnung). Aber selbst der Humor entpuppt sich als widersprüchlich. Für die einen ist er die Höflichkeit der Verzweiflung. Für andere wiederum der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt. Und im Wienerischen heißt es lakonisch: „Wenn du Pech hast, hast auch kein Glück.“

Apropos: Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, vielleicht sogar Komik, dass der jährliche „Internationale Tag des Glücks“ akkurat in unglückselige Krisenzeiten wie diese hineinplatzt. 2012 durch die UN beschlossen und jeweils am 20. März gefeiert, soll er die Bedeutung des Strebens nach Glück und Wohlbefinden als universelle Ziele der Menschen hervorheben.

Vom Beschleunigungsvirus …

Beschleunigung und Zeitnot sind ein individuelles wie kollektives Phänomen, das zur belastenden Pandemie auszuufern drohte. Denn das immer schneller drehende Hamsterrad entpuppte sich als wenig beglückend. Es taugte wohl auch nicht als sinnstiftende Karriere- oder Lebensleiter – weil auf Dauer ermüdend und frustrierend.

Gleichzeitig damit wuchsen Lust und Sehnsucht nach Ausgleich, nach Entschleunigung und Muße. Denn was viele schmerzlich vermissen: Zeit für sich. Diverse Umfragen noch vor Corona-Zeiten bestätigen: Mehr Menschen denn je erleben übermäßige Beschleunigung – und wollen das eigentlich nicht (mehr).

Allerdings zeigt sich hier ein weiteres Zeit-Paradoxon: Ja, Menschen scheinen sich einerseits zunehmend nach Stille und Muße zu sehnen. Gleichzeitig kommen viele damit schlecht zurande. Vor allem dann, wenn sie unfreiwillig damit konfrontiert werden. Vielleicht auch deshalb, weil Stille auch das Einfallstor für nicht immer nur angenehme Gedanken ist? Weil wir auf uns selbst zurückgeworfen sind? Weil das Gefühl dominiert: „Arbeiten ist leichter als leben?“ Oder weil alte Glaubenssätze durchsickern wie: „Muße ist aller Laster Anfang.“ Dabei kann Muße auch aller Lust Anfang sein. Oder auch das Ende mancherlei Last?

… zur heilsamen Erfahrung von Stille

Hier ist nicht der Platz für zusätzliche „Rat-Schläge“, deren gibt es ohnedies reichlich. Zudem gehen sie vielfach ins Leere. Dabei kann Leere auch eine Lehre sein – kostenlos und zugleich unbezahlbar. Dazu eine uralte Geschichte, deren Kernaussagen und mögliche Erkenntnisse daraus aber zeitlos aktuell wie essenziell bleiben. Gerade in Zeiten des widersprüchlichen Ringens um Ruhe und Unruhe, Aktivität und Pause, Tun-Müssen und Seinlassen. Und umso mehr in Krisenzeiten, in denen wir unfreiwillig viel (mehr) Zeit haben als üblich. Auch Zeit für Stille und Leere, die uns viel zu sagen haben?

Zu einem Einsiedler kamen eines Tages Besucher. Sie fragten ihn: „Welchen Sinn siehst du in deinem Leben der Stille?“ Er war gerade mit dem Schöpfen von Wasser aus einer tiefen Zisterne beschäftigt. Er überlegte und sprach: „Schaut in die Zisterne. Was seht ihr?“ Die Besucher blickten in die tiefe Zisterne. „Wir sehen nichts.“ Nach einer Weile forderte der Einsiedler die Leute wieder auf: „Schaut in die Zisterne. Was seht ihr?“ Sie blickten hinunter und sagten: „Jetzt sehen wir uns selbst!“ Der Einsiedler sprach: „Als ich vorhin Wasser schöpfte, war das Wasser unruhig, und ihr konntet nichts sehen. Jetzt ist das Wasser ruhig, und man sieht sich selbst. Das ist die Erfahrung der Stille.“

Ein bewusster Blick ab und an in die „persönliche Zisterne“ kann erhellend sein, quasi als innerer Coach wertvolle Botschaften widerspiegeln. Und etwa daran erinnern, dass es Zeit ist für – ja, wofür? Gerade jetzt in Krisenzeiten für eine Zeit der Wende.

Apropos: Angenommen, Sie würden in Ihre persönliche Zisterne schauen. Was „sagt“ sie Ihnen? Wofür ist es (höchste) Zeit? Ganz im Sinne einer alten persischen Lebensweisheit: Es ist nie zu früh oder zu spät. Es ist immer nur höchste Zeit.





Buch-Ideen

Tempo all’arrabbiata: Kritische Zeitenblicke eines Temposophen. Eine Zeit-Anthologie für Querdenker von Franz J. Schweifer.

Ach du liebe Zeit: Rastlos zwischen Lust und Last. Hintergründe – Ursachen – Auswege von Franz J. Schweifer.

Der Zeitforscher, Buchautor und FH-Lektor Franz J. Schweifer ist Inhaber der „ManagementOASE. Coaching. Training. Consulting.“ in Mödling b. Wien. Als Berater und „Temposoph“ beschäftigt er sich vor allem mit den Themen Zeit, Achtsamkeit, Selbstmanagement und Selbstführung, Resilienz, Stress, Werte- und Generationenmanagement. Dazu leitet er auch Seminare und Workshops oder ist als Vortragender aktiv. Als Stellvertretender Vorsitzender des „Verein zur Verzögerung der Zeit“ an der Universität Klagenfurt unterstützt er ein umfassendes Netzwerk von Zeit-Interessierten (www.zeitverein.com). Einer seiner Leitsätze lautet: „Die Seele braucht Zeit – sonst schrumpft sie.“ Ebenso wie: „Die Zeit braucht Seele, sonst schrumpft sie.“