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Lebenslang lernen mit der Neuroplastizität des Gehirns

Neuronen, Bild: pixabay.com

Ein entscheidender Einschnitt in der Hirnforschung war die Entdeckung, dass das Gehirn die Eigenschaft hat, lebenslang bis ins hohe Alter seine neuronalen Strukturen fortlaufend zu verändern. Diese Eigenschaft nennt sich Neuroplastizität oder neuronale Plastizität. Das Prinzip der Neuroplastizität: Lernen ohne Ende. Für die Art und Weise der Veränderungen im Gehirn gilt: Je häufiger wir Nervenverbindungen benutzen, desto mehr stärken wir ihre Effektivität. Lernen wir etwas, vermehren sich die Verbindungen zwischen zwei Nervenzellen. Das geschieht, indem Gene in den Nervenzellen aktiviert werden, die weitere Proteine bilden, um neue Verbindungen zu formen. Sogenannte Neurotransmitter (von altgriech. „neuron“ = Sehne und lat. „transmittere“ = hinüberschicken, übertragen) übertragen an chemischen Synapsen die Erregung von einer Nervenzelle auf eine andere. Wir wissen nun, dass die Gedanken die Struktur unseres Gehirns verändern können, doch wie das genau funktioniert, ist noch nicht vollständig erforscht. Schätzungen zufolge besteht das menschliche Hirn aus etwa 100 Milliarden Nervenzellen, die über schätzungsweise 100 Billionen Synapsen miteinander verbunden sind. Das ergibt eine schier unermessliche Zahl von Verknüpfungen, die Informationen weiterleiten können. Dieses Potenzial besteht bis ins hohe Alter.

 

Vom neuronalen Trampelpfad zur neuronalen Autobahn

Werden neue Nervenzellenverbindungen regelmäßig benutzt, wachsen sie. Stellen Sie sich die Verstärkung von Nervenverbindungen wie das Trainieren eines Muskels vor. Wenn Sie regelmäßig im Fitness-Studio bestimmte Muskelgruppen trainieren, werden sie ausgeprägter und kräftiger. Das Gleiche geschieht mit häufig genutzten Nervenbahnen, sie verstärken sich. Auf diese Weise wird aus einem neuronalen Trampelpfad eine neuronale Autobahn (nach Franz Hütter). Ein Gedanke, eine Überzeugung oder eine Zielformulierung werden also umso mächtiger, je häufiger Sie deren mentale Pfade beschreiten. Das bedeutet für neue angestrebte Muster, sie häufig abzurufen, um sie zu stärken. Gleichzeitig gilt für alte problematische Muster, die anfangs noch einer neuronalen Autobahn gleichen, sie zu Trampelpfaden verkümmern zu lassen, indem Sie sie nicht mehr abrufen. Wenn wir Muster ändern, ändert sich der neuronale Straßenatlas in unserem Kopf. Lösungs- und Ressourcenorientierung ergeben sich aus den Gesetzen der Neuroplastizität. Informationen sind im Gehirn in Form von neuronalen Netzen abgelegt. Der Entdecker der synaptischen Plastizität, der kanadische Psychologe Donald Olding Hebb, stellte eine Regel zum Zustandekommen des Lernens in neuronalen Netzwerken auf, bekannt als die Hebb‘schen Gesetze (Hebb 1949):

1. Häufig genutzte Verknüpfungen werden verstärkt.

 

2. Selten genutzte Verknüpfungen werden geschwächt oder abgebaut.

 

Aufmerksamkeit – eine Mischung aus Scheinwerfer und Staubsauger

Je nachdem, was wir an Erfahrungen sammeln, bilden sich entsprechende Strukturen (neuronale Netzwerke) in unserem Nervensystem. „All das, was wir als Glück, Freude, Trauer und Angst empfinden, kann die Struktur unserer neuronalen Netzwerke verändern. […] Unsere Aufmerksamkeit ist wie eine Mischung aus Scheinwerfer und Staubsauger: Sie rückt Dinge in den Fokus und saugt sie anschließend ins Gehirn – mit allen Vor- und Nachteilen“ (Hanson 2013). Mit anderen Worten: Die Dinge, denen wir unsere Aufmerksamkeit schenken, sind jene Dinge, die unser Denken beschäftigen und die Struktur unseres Gehirns formen. Und das wiederum beeinflusst in erheblichem Maße unsere innere Haltung: „Wessen Geist sich permanent mit überzogener Selbstkritik und Kritik an anderen, Sorgen, Kränkungen und Stress beschäftigt, dessen Gehirn wird sich dem anpassen und zu größerer Reaktivität, einer Anfälligkeit für Ängste und Niedergeschlagenheit, einem verengten Fokus auf Bedrohungen und Verluste sowie einem Hang zu Zorn, Trauer und Schuldgefühlen neigen“ (Hanson 2013). Besinnen wir uns hingegen jeden Tag aufs Neue auf das Gute in unserem Leben, mit Dankbarkeit und Zuversicht, mit Stolz auf vollbrachte Leistungen, und machen uns unsere Stärken bewusst, dann schaffen wir auch hier eine entsprechende Struktur, die uns langfristig zu einer positiven Grundeinstellung verhilft – und die unterstützt uns eben auch dann, wenn das Leben uns vor Herausforderungen stellt, ob beruflich oder privat. Nehmen Sie Einfluss auf Ihre Strukturen, indem Sie steuern, wem oder was Sie Aufmerksamkeit schenken. Verharren Sie nicht in negativen Gedanken und Gefühlen, richten Sie den Blick stattdessen zügig wieder nach vorn, sonst leisten Sie der Ausbildung hinderlicher Strukturen Vorschub.

Selbstgesteuerte Neuroplastizität

Der US-amerikanische Psychiatrie-Professor Jeffrey M. Schwartz prägte den Begriff der selbstgesteuerten Neuroplastizität. Nach Schwartz‘ Auffassung können wir lernen, die Reaktionsweise unseres Gehirns zu verändern, indem wir unsere Aufmerksamkeit gezielt ausrichten. „Wir wählen aus, auf welchen Teil unserer Erfahrung wir uns konzentrieren. Wir entscheiden, welche Teile uns packen und kontrollieren […] oder ob wir sie loslassen“ (Schwartz und Begley 2003). Die Reaktionsweise unseres Gehirns bei der Verarbeitung von Erfahrungen zu kontrollieren, ist indes eine Herausforderung. Denn Studien haben gezeigt, dass unser Gehirn stärker auf einen negativen Stimulus als auf einen ebenso intensiven positiven Stimulus reagiert. Anders ausgedrückt: Wir lernen mehr aus Schmerz als aus Freude und erinnern uns auch leichter an schmerzvolle Erfahrungen als an erfreuliche. Weil unser Fokus von Natur aus stärker auf das Negative ausgerichtet ist im Sinne einer rechtzeitigen Gefahrenabschätzung, sind wir auch in Beziehungen davon beeinflusst. Im Allgemeinen braucht es fünf positive Interaktionen des Gegenübers, um eine von mir als negativ empfundene Interaktion des Gegenübers in meiner Wahrnehmung wieder auszugleichen. Hand aufs Herz: An wie viel Gutes erinnern Sie sich bei Ihrem Partner und wie schnell fällt Ihnen ein Fauxpas oder Fehler desjenigen ein? Und woran erinnern Sie sich am Ende eines Tages? An zehn Dinge, die gut gelaufen sind, oder an eine Sache, die schiefging? Fakt ist: Was wir erinnern, prägt unsere Erwartungshaltung, unsere Glaubenssätze, unsere Handlungsstrategien und Stimmungen (vgl. Hanson 2010).

Literatur

Hanson, R. (2010). Just 1 Thing – So entwickeln Sie das Gehirn eines Buddha. Freiburg: Arbor Verlag.

Hebb, D. O. (1949). The organization of behavior. A neuropsychological theory. New York, NY: Wiley.

Heimsoeth, A. (2015). Chefsache Kopf: Mit mentaler und emotionaler Stärke zu mehr Führungskompetenz, Wiesbaden: Springer Gabler, S. 23 ff.

Schwartz, J., & Begley, S. (2003). The Mind and the Brain: Neuroplasticity and the Power of Mental Force. New York: Regan Books.

Ein Textauszug aus dem Buch

Frauenpower von Antje Heimsoeth

Frauenpower
Mentale Stärke für Frauen
Antje Heimsoeth
Taschenbuch, 266 Seiten
Springer Verlag, 2018
€ 19,99 [D]

Antje Heimsoeth ist eine der bekanntesten Mental Coaches im deutschsprachigen Raum. Sie ist „Deutschlands renommierteste Motivationstrainerin“ (FOCUS), „Vortragsrednerin des Jahres 2014“, „Top 100 Erfolgstrainer“ (Magazin ERFOLG) und Expertin zu den Themen mentale und emotionale Stärke, Motivation und Selbstführung. Ihr Know-how beruht auf Praxiserfahrungen, die durch wissenschaftliche Impulse stets untermauert werden.