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Frauen auf der Bühne – ein Interview mit der Speakerin Melanie Vogel

Melanie Vogel

Frauen sind auf Veranstaltungen wie Panels oder Konferenzen als Vortragende meist unterrepräsentiert. Woran liegt das und ist das überhaupt ein Problem? Darüber habe ich mit Melanie Vogel gesprochen, eine erfahrene Speakerin. Sie berichtet aus ihrer Erfahrung auf, vor und hinter der Bühne.

Wie lange sind Sie selbst als Speaker*in tätig und wie ist dabei Ihre eigne Erfahrung? Beispielsweise in Hinblick auf Anfragen, die Sie erreichen oder auf die Reaktion der Menschen auf Sie oder vielmehr auf Frauen im Speziellen? Vielleicht haben Sie eine Situation erlebt – auf, hinter oder vor der Bühne –, an die Sie sich noch gut erinnern und die symptomatisch für Frauen in der Öffentlichkeit stehen kann?

Ich halte bereits seit 20 Jahren Vorträge, bin aber erst in den letzten sechs Jahren in den professionellen Speaker-Bereich eingestiegen, nämlich zeitgleich zur Entwicklung meines „Futability®-Konzeptes“. Meine derzeitigen Themen „Change“, „VUCA“ und „Innovation“ sind Themen, mit denen ich mich im Bereich Zukunftsgestaltung und Digitalisierung bewege. Hier sind gerade im Augenblick sehr viele Männer als Experten und Speaker unterwegs. Ich erlebe mitunter erstaunliche Situationen, vor allem, wenn Anfragen aus klassischen Männerdomänen kommen. Diese Anfragen werden häufig von Frauen gestellt, die auch sehr klar kommunizieren, dass sie mich als Speakerin haben wollen, weil sie es spannend und wichtig finden, nicht immer nur Männer zu diesen Themen zu hören. Tatsächlich aber fürchten sich dann die Entscheidungsträger ab und an, „eine Frau vor 50 männliche Führungskräfte zu stellen“. Das war der O-Ton einer dieser Frauen, die mich in der Entscheiderrunde nicht hat durchboxen können und sich für einen männlichen Speaker entschieden haben.

Ich habe in diesem Jahr mehrere sehr bewusste Anfragen bei Kongressen gestellt, die thematisch zu meinem Angebot passten und habe mich durch meine persönliche Referentin dort positionieren lassen. Auch hier zeigte sich ein ähnliches Bild. Man sagte ihr meistens, die Entscheidungen seien schon gefallen und wenn ich dann später auf die Rednerliste schaute, blickten mir ausschließlich Männer entgegen. Einzig die Moderatorenrolle übernimmt sehr häufig eine Frau.

Ich sehe das sportlich, aber man braucht schon ein dickes Fell, um solche Erfahrungen nicht persönlich zu nehmen.

Auf der anderen Seite habe ich auch Kunden – ebenfalls aus sehr klassischen Männerdomänen, die mich ganz bewusst einsetzen, eben weil sie von mir wissen und das auch erwarten, dass ich Mindsets durchbrechen kann. Bei einem dieser Kunden, die seit 50 Jahren sehr erfolgreiche Neujahrsempfänge veranstalten, werde ich in diesem Jahr die erste Frau sein, die dort jemals auf einem Podium gestanden hat.

Erleben Sie selbst eine Vielfalt bei Veranstaltungen oder eher einen Einheitsbrei aus Anzugträgern, überspitzt formuliert?

Das ist ganz unterschiedlich. Ich werde häufig sehr gezielt als Keynote-Speakerin angefragt, weil meine Themenkombination in Deutschland einzigartig ist. Ich bin dann bei internen Veranstaltungen meist die einzige Speakerin. Das sind strategische Entscheidungen, die häufig von Firmen getroffen werden, die Change-Prozesse kommunizieren müssen und diese Botschaft gern Externen übertragen. Allerdings werde ich auch immer wieder für Veranstaltungen gebucht, wo neben mir andere Speaker*innen auf der Bühne sind. Und hier erlebe ich eine große Bandbreite der Vielfalt. Mal bin ich eine unter vielen Frauen, mal ist es ein bunter Mix aus Männern und Frauen und kürzlich war ich die einzige Frau bei einem zweitägigen Kongress, die dort gesprochen hat.

Ist es für Sie wichtig, dass auf der Bühne, ob auf dem Podium oder als Speaker*in, nicht nur Männer vertreten sind und warum? Welche Vor- und vielleicht auch Nachteile sehen Sie, wenn das Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Speaker*innen ausgeglichen ist?

Auf der Bühne ist es mir ehrlich gesagt überhaupt nicht mehr wichtig. Da habe ich einen Auftrag und mein Ziel besteht ausschließlich darin, meinen Teil dazu beizutragen, dass der Kunde eine erfolgreiche Veranstaltung hat. Natürlich ist es schön, wenn der Speaker*innen-Kreis divers ist – aber auch als einzige Frau unter Männern leide ich nicht. Es geht ja nicht um mich, sondern um den Kunden, seine Botschaften und Ziele und darum, dass er am Ende mit einem guten Gefühl auf die Veranstaltung zurückblicken kann.

Woran liegt es aus Ihrer Sicht, dass auf den meisten Veranstaltungen wenig bis keine Frauen öffentlich auftreten?

Ich glaube, das Problem ist – wie immer – vielfältig. Zum einen ist es eine tatsächliche Betriebsblindheit der Veranstalter. Wer sich noch nie mit dem Thema Vielfalt auseinandergesetzt hat, weiß gar nicht, dass er auf diesem Auge blind ist. Dahinter verbuche ich nicht mal eine böse Absicht – es ist die Macht der Gewohnheit. Andere Veranstalter oder Organisationen sind schlicht und ergreifend nicht mutig genug, Frauen auf die Bühne zu stellen. Und schließlich ist es auch bei Frauen so, dass sie, wenn sie auf die großen Bühnen wollen, wirklich mit Bissfestigkeit und Nachdruck daran arbeiten müssen. Diese Plätze sind rar und man muss sie sich immer noch verdienen durch gute Leistung, spannende Themen und ein überzeugendes Auftreten – und die Bereitschaft zur Sichtbarkeit. Und schließlich gehört auch Glück dazu und das richtige Netzwerk.

Die re:publica schafft es immer wieder, ein ausgewogenes Verhältnis bei den Speaker*innen herzustellen. 2017 waren 47% der Speaker*innen weiblich. Was machen die Veranstalter anders als andere Veranstalter? Und wie kann das als Erfolgsfaktor auf andere Veranstaltungen übertragen werden?

Für die re:publica kann ich nicht sprechen, sondern nur für unsere eigene Veranstaltung women&work, die sich in den letzten neun Jahren immerhin zur europäischen Leitmesse für Frauen & Karriere entwickelt hat. Bei uns ist der Rednerinnen-Anteil deutlich höher als bei der re:publica, nämlich bei 98 Prozent, in manchen Jahren sind es sogar 100 Prozent. Und das liegt nicht daran, dass wir Männer als Referenten ausschließen, ganz im Gegenteil. Ich glaube, hier erleben wir das umgekehrte Phänomen, dass es tatsächlich mutige Männer braucht, die sich in eine solche Frauendominanz hineintrauen, genauso wie es mutige Frauen braucht, die Männerdominanzen aufbrechen.

Was wir von Anfang an anders gemacht haben, als andere Veranstalter weiß ich nicht – außer natürlich den Messe- und Kongressschwerpunkt auf Frauen auszurichten. Ich weiß nicht, was andere Veranstalter tun oder auch nicht tun, um Frauen auf die Bühne zu bringen. Wir sind als Veranstalter jedenfalls sehr bemüht, Frauen zu ermutigen, auf die Bühne zu gehen. Wir beraten sie ab und an, wenn wir das Gefühl haben, ihr Profil ist noch nicht geschärft genug. Wir sprechen gezielte Einladungen aus, wir rufen auf, andere Frauen aktiv zu empfehlen und wir lassen seit drei Jahren die women&work-Community über die Themen des Kongresses mitentscheiden. So erreichen wir eine hohe Eingebundenheit, in vielen Fällen eine hohe Loyalität – und wir machen dadurch auch schon frühzeitig junge Frauen auf eine Bühne aufmerksam, die sie irgendwann vielleicht selbst einmal betreten wollen. Und das funktioniert, denn immerhin besetzen wir seit neun Jahren jedes Jahr fast 60 Speaker*innenplätze – bis auf wenige Ausnahmen – ausschließlich mit Frauen, haben Wartelisten und bieten den Frauen, die keinen Speaker*innenplatz auf der Messe bekommen haben, das Medium der Webinare an, um ihre Themen zu platzieren.

Wo finden Veranstalter Frauen, die als Speaker*innen auftreten? Wie müssen diese an die Frauen herantreten?

Es gibt ja bereits Speakerinnen-Listen, wie sie auf www.speakerinnen.org zu finden sind. Sind solche Listen aus Ihrer Sicht eine gute Idee, um mehr Sichtbarkeit von Frauen zu erreichen?

Wir finden sie über Netzwerke, Empfehlungen und über unseren Call4Papers, den wir sehr großflächig über die sozialen Medien bewerben. Speakerinnen-Listen nutzen wir nie. Ich selbst bin auch in keiner einzigen Speakerinnen-Agentur vertreten. Ich bin aber auch sonst in keiner Redner-Agentur mehr unter Vertrag. Das ist eine sehr bewusste Entscheidung, die ich getroffen habe. Denn ich möchte gern die volle Freiheit darüber behalten, wie und mit wem ich arbeite. Und ich möchte vor allem den direkten Kontakt mit dem Kunden – ohne Vermittler dazwischen, damit ich mir von Beginn an ein Bild vom Kunden und seinen Bedürfnissen machen kann.

Was die Ansprache angeht, so kann ich nur für mich sprechen. Ich schätze einen wertschätzenden Umgang mit meinen Kunden auf Augenhöhe, der fair und transparent sein sollte.

Liebe Frau Vogel, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Bücher von Melanie Vogel

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Initiatorin der women&work – Europas Leitmesse für Frauen & Karriere

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Anette Rößler liebt es, viel zu wissen. Bücher sowie guter Journalismus waren daher schon immer ihre Leidenschaft. Mit dem Internet lässt sich Wissen gut vernetzen, aber auch als unerschöpfliche Wissensquelle nutzen und teilen. Die Themen Natur und Nachhaltigkeit, Ernährung und Sport, Gesellschaft und Politik, Medien, Kommunikation und Digitalisierung liegen der Diplom-Sozialwissenschaftlerin und Diplom-Journalistin (FJS) am Herzen. Anette Rößler hat zwei Kinder.