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„Wenn’s weh tut, noch 50 Kilometer.“

Julia Schmidt und Franz Betzhold beim Mammutmarsch 2018, Bild: Mario Mielke

100 km. Zu Fuß. In 24 Stunden. Das war das Ziel des Mammutmarschs. Julia Schmidt und Franz Betzhold aus der Karlsruher Nordstadt sind ihn Ende Juli von München aus gelaufen. Ein Erfahrungsbericht.

Julia und Franz, wie war der Mammutmarsch für euch?
Habt ihr es geschafft?

Julia: Dazu muss ich etwas ausholen. 2014 lief ich nach einigen Jahren Marathonerfahrung meinen ersten Ultramarathon in Bretten mit 52 Kilometern. In den darauffolgenden Jahren absolvierte ich 19 Ultramarathons (davon sieben Wettkämpfe) mit Distanzen bis zu 80 Kilometern. Das große Ziel war die 100 Kilometer wenigstens einmal zu schaffen.

2016 startete ich nach zwei Jahren Vorbereitung beim Zugspitz-Ultratrail mit dem Ziel, 100 Kilometer mit 5.000 Höhenmetern zu absolvieren. Leider spielte das Wetter nicht mit und ich entschied mich nach 14 Stunden und 67 Kilometern den Wettkampf aus Sicherheitsgründen zu beenden.

Obwohl 2017 ein privat und gesundheitlich turbulentes Jahr war, ließ mich der Gedanke an die 100 Kilometer nie ganz los. Im Internet stolperte ich zufällig über den Mammutmarsch, für den wir uns kurzerhand anmeldeten. Diesmal sollte es ein Wettkampf sein, den ich auf jeden Fall schaffen könnte. Der Mammutmarsch ist eine Wanderung und kein Lauf, außerdem ist er mit knapp 900 Höhenmetern relativ flach. Was soll da schon schiefgehen, ist doch nur Gehen?

Um es vorwegzunehmen: Meine anfängliche Arroganz wurde bestraft, nur mit Blut, Schweiß und auch der ein oder anderen Träne habe ich mich ins Ziel geschleppt.

Franz: Ich mache seit einigen Jahren Ausdauersport und habe vor zwei Jahren meinen ersten Marathon absolviert.

Die Idee, beim Mammutmarsch zu starten, kam von Julia. Ich bin mit ihr gestartet, um sie bei der Erfüllung ihres Traums zu unterstützen. Bedenken, dass wir es nicht schaffen würden, hatten wir beide nicht. Wir haben das Gehen vermutlich ein bisschen unterschätzt.

Unser Marsch-Bericht:

Wir starten um 16:45 Uhr in München Tutzing als letzte Startgruppe und marschieren zügig los.

Schon nach 10 Kilometern haben wir gemerkt, dass Gehen eine völlig andere Belastung darstellt als Laufen. Es begannen die ersten Wehwehchen. Für uns als Marathonläufer natürlich noch überhaupt kein Problem.

Die erste Verpflegungsstelle nach 17 Kilometern lassen wir aus und gehen durch. Ist ja noch keine Distanz für uns.

Nach 30 Kilometern die erste Blase am Fuß. Für mich ziemlich ungewohnt – solche Probleme habe ich beim Laufen nicht. Also wird bei der zweiten Verpflegungsstelle bei Kilometer 42 der Fuß bepflastert.

Bei Kilometer 50 hat der Veranstalter ein Schild platziert mit dem Hinweis „Wenn’s weh tut, noch 50.“ Darüber müssen wir lachen – das soll sich ändern. Bei Kilometer 52 genießen wir nochmal das mitgebrachte Essen und den Kaffee und machen uns gegen 1 Uhr wieder auf den Weg.

Das Weitergehen fällt jetzt richtig schwer. Von der ungewohnten Bewegung bekomme ich Schmerzen im Schienbein und kann fortan nur noch auf Zehenspitzen gehen. Es ist mitten in der Nacht und der Weg führt profiliert durch den Wald. Unser einziger Trost: Es wird bald hell, dann fällt es uns bestimmt leichter.

Den Sonnenaufgang gegen 5:30 Uhr können wir noch richtig genießen. Bald sind wir nach 69 Kilometern an der Verpflegungsstelle vier. Dort angekommen kaufen wir uns einen Kaffee und massieren die massakrierten Füße. Das an der Verpflegungsstelle hinterlegte Essen verschenken wir, da wir nichts mehr runter bekommen.

Ich traue mich nicht, Franz zu fragen, ob wir aufhören wollen, denn ich habe Angst, dass er ‚ja‘ sagt. Also marschieren wir weiter, jeder hängt seinen Gedanken nach und leidet still. Nach 15 Stunden haben wir keine Lust mehr zu reden. Ich motiviere Franz mit dem Hinweis auf Freibier bei Kilometer 82. Das zieht 😊

Wie wir zur Verpflegungsstelle gekommen sind, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich nur noch daran, dass ich nicht aufgeben möchte. Leider gibt es an der letzten Verpflegungsstelle nur Wasser, aber keine Verpflegung und schon gar kein Freibier. Nach zehn Minuten fassungslosem Herumsitzen machen wir uns wieder auf den Weg.

Laut Streckenprofil sind auf den letzten Kilometern die meisten Höhenmeter zu überwinden. Wir kommen also noch langsamer voran. Dass die Wegmarkierung mit 90 Kilometern 500 Meter später als erwartet angebracht ist, gibt mir emotional den Rest. Ich bin frustriert und lege mich in den Schatten eines Hauses ins Gras. Mitten in einem Ort. Mir ist alles egal! Franz ist sehr rücksichtsvoll und wartet, bis ich von alleine aufstehe und weitergehe.

Nach 21 Stunden harten und emotionalen Stunden erreichen wir endlich wieder Tutzing und biegen in die Zielgerade ein. Es ist so schön, dass wir diesen magischen Augenblick teilen können. Franz nimmt meine Hand.

Mein Fazit: Ich bin froh, dass wir zu den 17 Prozent derer gehören, die den Marsch tatsächlich ganz geschafft haben und verspreche Franz, dass wir sowas nie wieder machen. Zumindest nicht gehend…. Aber vielleicht laufend.

Unsere Grenze? Haben wir erreicht und es hat viel Kraft gekostet, sie zu überschreiten. Mit der Unterstützung des jeweils anderen hat es geklappt. Und Franz weiß nun endlich, wie er meinen unendlichen Redefluss einstellen kann: Er muss einfach nur einen 15-stündigen Spaziergang mit mir machen.

Welche Herausforderungen habt ihr bisher gemeistert, auf die ihr stolz seid?

Julia: Ich bin stolz auf jeden Kilometer, den ich bisher gelaufen bin. Für mich steht der Spaß an der Bewegung im Vordergrund.

Franz: Besonders stolz bin ich auf die Mitteldistanz beim Kraichgau-Triathlon und meinen ersten Ultra-Trail über 70 Kilometer beim Allgäu Panorama Ultra, bei dem Julia mich begleitet hat.

Auf welches nächste Ziel trainiert ihr?

Franz: Für dieses Jahr haben wir uns nichts Konkretes mehr zusammen vorgenommen. Julia läuft noch den Baden-Marathon im September, einen Ultratrail im August, während ich parallel dazu meine Triathlon-Saison beim Ladenburg-Triathlon beende. Den ein oder anderen Lauf, Marathon oder ähnliches werden wir aber bestimmt dieses Jahr noch zusammen machen.

Wie kann man sich euer Training vorstellen?

Franz: Bevor Julia mich kannte, hat sie sich sehr gezielt und strukturiert auf ihre Wettkämpfe vorbereitet. Seitdem lässt sie es lockerer angehen. Mein Training ist unstrukturiert, sporadisch und mit leichter Panik zwei Wochen vor dem jeweiligen Wettkampf. Irgendwie erinnert mich das stark an meine Studienzeit 😉

Julia: Ich gehe mindestens dreimal die Woche laufen, fahre viel Fahrrad, gehe neuerdings gern schwimmen, mache Yoga, Skilanglauf, Krafttraining … Ich bewege mich einfach gern – am liebsten draußen. Ich bin immer wieder erstaunt, dass Franz mit so wenig Training immer so eine gute Leistung bringt.

Trainiert ihr zusammen?

Wir trainieren auch regelmäßig getrennt voneinander. Julia beim Marathon-Kurs, Franz beim Vereinsschwimmen. Ansonsten versuchen wir, so oft wie möglich gemeinsame Zeit beim Sport oder auf der Couch zu verbringen.

Das Motto des Mammutmarschs lautet „Grenzen finden und überwinden“. Wo war bei euch jemals eine Grenze erreicht, die euch vielleicht sogar zum Aufgeben gezwungen hat?

Franz: Bisher bin ich davon glücklicherweise verschont geblieben.

Julia: Beim Mammutmarsch war ich die letzten 6 Stunden definitiv nicht mehr in der Wohlfühlzone. Außerdem wird es bei mir kritisch, wenn ich zu lange im Energiedefizit bin. Deshalb achtet Franz immer akribisch darauf, dass ich genug esse und trinke.

Danke Julia und Franz für euren Einblick!

Bilder: Mario Mielke – artofm.de

Stichwort: Ausdauersport

Übersicht zu Outdoor-Wettkämpfen mit der Disziplin Laufen

Halbmarathon:

Lauf über eine Distanz von 21,0975 Kilometer.

Marathon:

Lauf über eine Distanz von 42,195 Kilometer.

Ultramarathon:

Lauf über eine Distanz, die eine weitere Strecke misst als die Marathon-Distanz.

Traillauf:

Langstreckenlauf auf nicht-asphaltierten Straßen, auf Trails.

Ultratrail:

Ultramarathon (s. oben) auf Trails.

Triathlon:

Wettkampf mit den Disziplinen Schwimmen, Radfahren und Laufen. In dieser Reihenfolge.