FacettenReich

Über 100 Jahre Leichtigkeit: Ein Porträt über die älteste Frau Deutschlands

Edelgard Huber von Gersdorff, 2017

Edelgard Huber von Gersdorff ist mit 111 Jahren die wahrscheinlich älteste Frau Deutschlands. Selbst zwei Weltkriege konnten ihr das Lachen nicht verderben. Eine Begegnung.

Die große Handtasche hilft Edelgard Huber von Gersdorff beim Laufen. Damit das gelähmte Bein beim Laufen nicht so viel Schwung bekommt, hat sie sich angewöhnt, immer ihre große Handtasche dagegen zu halten. Von Gersdorff erkrankte im Alter von 22 Jahren an Kinderlähmung. Sie verbrachte einige Jahre im Bett und lernte mühsam wieder laufen.

Heute sitzt Frau Huber, wie sie von ihrer polnischen Pflegerin fürsorglich und liebevoll genannt wird, im Rollstuhl. Nicht wegen der Kinderlähmung, sondern weil „die Beine nicht mehr so gut mitmachen.“ Die Haare sind weiß, Beine und Arme dünn und knochig geworden. Geboren wurde Edelgard Huber von Gersdorff 1905 in Gera zur Zeit des Deutschen Kaiserreichs. „Bitte einen Schluck, Frau Huber“. Die Pflegerin hält ihr eine Tasse mit Strohhalm an den Mund. „Danke“, sagt die alte Frau mit tiefer und fester Stimme zu ihrer Pflegerin. Die beiden leben zusammen.

Frau Huber ist mit 111 Jahren die wahrscheinlich älteste Frau Deutschlands. Daten über die ältesten Menschen führen die Statistischen Landesämter nicht. Seit 1914 lebt Edelgard Huber von Gersdorff in Karlsruhe. In der Wohnung in der Erzbergerstraße in der Karlsruher Nordstadt wohnt sie seit 1950. Als sie neun Jahre alt ist, wird ihr Vater als Offizier im ersten Weltkrieg eingezogen. Die Mutter zieht mit den beiden Kindern Edelgard und Helga nach Karlsruhe. Denn aus Karlsruhe stammt die Familie der Mutter.

Sich durch eine Behinderung entmutigen lassen? Nicht Edelgard Huber von Gersdorff! „Wenn der Mensch irgendwohin will, ist das keine Frage. Ich wollte gerne auch außerhalb von Karlsruhe sein.“ Die Dame im hohen Alter sagt über das Leben und ihre Vergangenheit: „Das ganze Leben besteht aus Lernen. Das Reisen war unsere Bildung. Bei Wanderungen haben wir viel gesehen.“ Mit ihrem Ehemann Walther, der 1987 starb, war sie viel unterwegs. „Ich war sportlich veranlagt, von Haus aus“ sagt sie über sich. An ihre eigenen Ringkämpfe erinnert sie sich noch gut. Besonders stolz war sie, wenn sie die Männer besiegt habe. Edelgard Huber von Gersdorff lächelt zufrieden. In ihrem Leben bekam sie viel Hilfe von ihrem Mann. Sie lernte ihn kennen, als sie 14 Jahre alt war.

Die Frau im Rollstuhl verkörpert eine lange Ahnenreihe mit einer Familiengeschichte, die im 13. Jahrhundert zuerst urkundlich erwähnt wird. Sie entstammt dem Uradel. Heute fragt Edelgard Huber von Gersdorff Besuchende nach deren Regiment, als sei die Welt stehen geblieben. In den Reihen ihrer Ur-Ur-Großväter und -onkel gibt es Offiziere, Ärzte und hochrangige Juristen, die an den Schaltstellen der Politik in Verbindung zum Badischen Hof oder der Weimarer Demokratie standen. Sie waren Hofdamen, Hofräte, Künstlerinnen und Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg. Geschichte schrieb zum Beispiel Karl Friedrich Wilhelm von Gersdorff, als einer der Berühmtesten aus der Familie. Er verhandelte nach der Leipziger Schlacht mit Napoleon – zwischen den Lebenden und Toten der Leipziger Schlacht.

Edelgard Huber von Gersdorff selbst erlebte beide Weltkriege in Karlsruhe. „Der Zweite Weltkrieg war schlimmer, wegen der vielen Brandbomben“, sagt sie über diese Zeit. „Die Badewannen mussten immer gefüllt sein.“ Es hätte jederzeit brennen können. Das Leben lief während des Krieges wie gewöhnlich weiter. Mit einer Ausnahme: „Essen war knapp. Man musste immer schauen, wo wir etwas herbekommen.“ Schlimm fand Edelgard Huber von Gersorff auch, als im Juni 1916 in Karlsruhe ein Zirkus mit vielen Kindern von den Bombenangriffen getroffen wurde. Auf dem Platz zwischen Ettlinger Tor und Badischem Staatstheater heute. „Da lernten wir den Krieg kennen.“ An diesem Fronleichnam starben 120 Menschen, darunter 71 Kinder durch französische Bomber. Es war ein Angriff von insgesamt 14 auf Karlsruhe im ersten Weltkrieg. Den Sinn dieses „großen Blutzolls“ hat sie nicht verstanden, genauso wenig wie die Belagerung von St. Petersburg im Zweiten Weltkrieg. Über den Holocaust sagt Edelgard Huber von Gersdorff: „Man wusste, die Juden sind weg. Eingesperrt.“ Zum Beispiel ihr geschätzter Kollege, Rechtsanwalt Ludwig Marum. Er wohnte in ihrer Straße und wurde 1934 in einem KZ bei Bruchsal ermordet. Von Gersdorff selbst hat Jura studiert.

Edelgard Huber von Gersdorff hat keine Kinder, weil sie sich diese wegen ihrer Krankheit nicht hätte leisten können: „Ich hätte nie einem Kind nachspringen oder es auf dem Arm tragen können.“ Bei der Frage, ob sie traurig darüber sei, muss sie lachen. Das Thema spielte nie eine Rolle in ihrem Leben. „Eine moderne Frau war sie“, schmunzelt die Pflegerin.

Die neuesten politischen Entwicklungen verfolgt Edelgard Huber von Gersorff nicht mehr bis ins Detail, wegen ihrer schlecht gewordenen Augen und Ohren. Sie hat immer gerne gelesen und Radio gehört, aber das ginge jetzt nicht mehr so gut. Das Internet verstehe sie nicht so ganz. Aber es habe aus ihrer Sicht zu einer „Vereinigung in der Welt“ geführt. „Die Menschen sind benachbart, in ihrer Art zu leben. Und durch die vielen Veröffentlichungen ist die Welt sehr viel buntscheckiger geworden.“ Die EU sei etwas vollkommen Neues. Ein neuer Versuch des Zusammenlebens. „Die Menschen können so unterschiedlich sein, und doch können alle mitmachen.“ Es mache also „keinen Sinn, sich aufzuteilen.“ Globalisierung und technologische Entwicklungen sieht Edelgard Huber von Gersdorff positiv. Sie stimmt ein Lied der Jugendbewegung von 1914 an: „Mit uns zieht die neue Zeit …“ Denn auch die Europäische Union sei etwas Neues. Eine neue Form des Zusammenlebens.

„Das Leben hätte schöner sein können, natürlich.“ Edelgard Huber von Gersdorff lacht, als sie Bilanz zieht über ihr Leben. Sie schaut dankbaren Herzens zurück und hat nur noch eine Sehnsucht: „Alles, was ich erlebt habe, möchte ich noch einmal erleben.“ Zum Beispiel mit ihrem Mann auf dem Ätna oder im spanischen Gebirge umherwandern. Dieses Bild hat die alte Frau noch gut in Erinnerung. Dass Frau Huber von Gersdorff die älteste Frau in Deutschland ist, kann sie kaum glauben. Und muss darüber eigentlich nur lachen.

Nachtrag

Edelgard Huber von Gersdorff ist am 9. April 2018 im Alter von 112 Jahren als älteste Deutsche in Karlsruhe gestorben. Ruhen Sie in Frieden.

Die schönsten Zitate von Edelgard Huber von Gersdorff

Über das Leben

„Meine große Sehnsucht im Augenblick: Alles, was ich schon erlebt habe, noch einmal erleben.“  Auf Nachfrage, was Edelgard Huber von Gersdorff in ihrem Leben bereut habe, meint sie: „Nichts.“

Über den Menschen

„Der Mensch ist das interessanteste Wesen, das es gibt. Hunde und Katzen sind auch interessant. Aber der Mensch gehört zu den interessantesten Dingen, die herumlaufen.“

Auf die Frage, welches Menschenbild sie habe, meint sie: Sie habe ein „mildtätiges Bild vom Menschen“. Das bedeutet, „den Menschen so leben zu lassen wie er lebt. Wenn er ordentlich lebt.“

Über ihren Mann und das Heiraten

„Mein rührender Mann hat mir das Gehen beigebracht. Ich musste sehr anerkennen, wie viel Liebe und Hilfe ich bekam. Es ist ein einfaches Dankeschön, das man in dem Fall auf den Lippen hat.“ Und: „Ich lernte bei ihm das Leben zu leben.“

Ihren Mann hätte die Dame wieder geheiratet, denn sie habe sich ihren Mann genau angeschaut und gesehen, dass „er der Engel ist, den ich brauche.“

Über die Emanzipation

„Die Emanzipation war richtig. Das ergab sich schon aus dem Krieg, weil keine andere Möglichkeit gegeben war.“

Übrigens:
Das Gespräch mit Edelgard Huber von Gersdorff fand statt am 27. Januar 2017 und fiel damit zufällig auf den Holocaust-Gedenktag.

Hermann Claudius: Wann wir schreiten Seit an Seit

Dieses Lied stimmte Edelgard Huber von Gersdorff bei unserem Gespräch an. Sie kennt den Text noch auswendig. Es ist ein Wander-, Arbeiter-, Gewerkschafts- und SPD-Lied:

Wann wir schreiten Seit’ an Seit’
und die alten Lieder singen
und die Wälder widerklingen
fühlen wir, es muß gelingen:
Mit uns zieht die neue Zeit,
Mit uns zieht die neue Zeit.

Eine Woche Hammerschlag
eine Woche Häuserquadern
zittern noch in unsern Adern
aber keiner wagt zu hadern
Herrlich lacht der Sonnentag
herrlich lacht der Sonnentag.

Birkengrün und Saatengrün
Wie mit bittender Gebärde
hält die alte Mutter Erde
daß der Mensch ihr eigen werde
ihm die vollen Hände hin
ihm die vollen Hände hin.

Mann und Weib und Weib und Mann
sind nicht Wasser mehr und Feuer
Um die Leiber legt ein neuer
Frieden sich, wir blicken freier
Mann und Weib, uns fürder an
Mann und Weib, uns fürder an

Wann wir schreiten Seit’ an Seit’
und die alten Lieder singen
und die Wälder widerklingen
fühlen wir, es muß gelingen:
Mit uns zieht die neue Zeit,
Mit uns zieht die neue Zeit.

andere Strophen 3-6 aus christlichem Umfeld:

Wort und Lied und Blick und Schritt
wie in uralt ew´gen Tagen
wollen sie zusammenschlagen
ihre starken Arme tragen
unsere Seelen fröhlich mit

Wann wir schreiten Seit’ an Seit’
und die alten Lieder singen
und die Wälder widerklingen
merken wir, es muß gelingen:
Mit uns zieht die neue Zeit

Heilgem Kampf sind wir geweiht
Gott verbrennt in Zornes Feuern
eine Welt, sie zu erneuern
wollen kraftvoll wir beteuern
Christus. Herr der neuen Zeit

Text: Hermann Claudius (1913) , (auch: Wenn wir schreiten Seit an Seit)
Musik: Michael Englert (1915)

Der Urenkel von Matthias Claudius (1740-1815, Der Mond ist aufgegangen) hat das Lied 1913 geschrieben. Zum ersten Mal gedruckt erschien es im Juni 1914 mit dem Titel “Wanderlied – Der neuen Jugend gewidmet” in der Monatsbeilage “Die arbeitende Jugend” der SPD- und gewerkschaftsnahen Zeitung “Hamburger Echo”. Vertont wurde das Lied vom Rechtssekretär der freien Gewerkschaften Michael Englert (1868-1956, Komponist des heute noch bekannten Lieds “Wir sind jung, die Welt ist offen”, 1914). Englert, im Nebenberuf Musiklehrer und Chorleiter, datiert die Entstehung des Liedes auf Anfang 1915. Zum ersten Mal aufgeführt wurde es auf einer Protest-Kundgebung von Teilen der Hamburger SPD gegen die Fortsetzung des Krieges im Frühjahr 1915. Nachdem es die Hamburger Arbeiterjugend zum “Ersten Reichszentralen Arbeiterjugendtag” im August 1920 nach Weimar mitbrachte, wurde es zur Hymne des Jugendtages. Innerhalb weniger Wochen verbreiteten die Jugendtagsteilnehmer und Jugendchöre das Weimarlied im ganzen Reich. (Georg Nagel in der Bamberger Anthologie)

u.a. in: — Auf froher Wanderfahrt (ca. 1921) — Blaue Fahnen (1930, christliche Schlußstrophen) — Liederbuch für die deutschen Flüchtlinge in Dänemark (1945) — Volksliederbuch_1947 — Lieder der Arbeiterbewegung (1967) — Liederbuch der Fallschirmjäger (1983) — Liederbuch SPD Hildesheim (ca. 1990)

Internetquelle zu „Wann wir schreiten Seit an Seit“

Anette Rößler liebt es, viel zu wissen. Bücher sowie guter Journalismus waren daher schon immer ihre Leidenschaft. Mit dem Internet lässt sich Wissen gut vernetzen, aber auch als unerschöpfliche Wissensquelle nutzen und teilen. Die Themen Natur und Nachhaltigkeit, Ernährung und Sport, Gesellschaft und Politik, Medien, Kommunikation und Digitalisierung liegen der Diplom-Sozialwissenschaftlerin und Diplom-Journalistin (FJS) am Herzen. Anette Rößler hat zwei Kinder.

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