BewegungsReich WortReich

Thaiboxerin Jennifer Wegner: Kraftpaket, Maschine und Tiger in einem

Thaiboxerin Jennifer Wegner

Jennifer Wegner ist seit fünf Jahren deutsche Amateur-Meisterin und seit diesem Jahr Amateur-Weltmeisterin im Thaiboxen. Sie kämpft nach ihrem nächsten und letzten WM-Kampf im Dezember 2017 den Kampfstil Mixed Martial Arts. Ein Besuch im Sport Center Karlsruhe, wo Jennifer „The Machine“ trainiert.

„Tsch“, „Umff“, „Hmmpf“ – raunt es aus dem Untergeschoss der Merkur Akademie in der Karlsruher Nordstadt. Wer an einem Abend den Nebenbau der privaten Realschule betritt und den Treppenstufen nach unten folgt, hört diese typischen Kampfgeräusche in regelmäßiger und schneller Folge. Mit jedem Schritt in Richtung Trainingsraum werden die Geräusche lauter. Von Montag bis Donnerstag trainieren hier die Thaiboxer vom Sport Center Karlsruhe. Muay Thai, umgangssprachlich Thaiboxen genannt, ist ein traditioneller Volkssport aus Thailand und gilt als eine der härtesten und ältesten Kampfsportarten der Welt. „Für viele Außenstehende sieht Muay Thai aus wie ein brutaler Haudrauf-Sport“, sagt Jennifer Wegner. Seit fünf Jahren ist die 1,68 Meter große Frau deutsche Amateur-Meisterin und seit diesem Jahr Amateur-Weltmeisterin im Muay Thai. Sie kämpft meist in den Gewichtsklassen bis 58 und 60 Kilogramm.

„Ellbogen und Knie sind das Härteste beim Muay Thai“

Am liebsten setzt Wegner ihren linken Ellbogen ein. „Ellbogen und Knie sind das Härteste beim Muay Thai“, erläutert sie. Beim Thaiboxen ist der Einsatz von Ellenbogen, Tritte mit dem Schienbein, Knie sowie Fuß und Ferse, das Clinchen, also das Umklammern des Gegners sowie Schläge zum Kopf und das Festhalten des gegnerischen Beins erlaubt. Schädelbasisfraktur war Wegners schwerste Verletzung, verursacht durch einen gegnerischen Ellbogen. Der gleiche Kampf ging mit einem Nasen- und Rippenbruch der Gegnerin aus. Nasen- und Rippenbrüche aber auch Nasenbluten sind beim Thaiboxen die häufigsten Verletzungen. Hemmungen, die Gegnerin zu boxen, oder gar Mitleid habe sie nicht. Es sei schließlich ein Sport, außerdem nicht verletzungsintensiver als Fußballspielen. Hüftwürfe wie im Judo und Kopfstöße sind beim Muay Thai nicht erlaubt. Die Kampfkleidung beinhaltet neben den dünnen zehn Unzen schweren Boxhandschuhen eine Schutzausrüstung für unterschiedliche Körperregionen. Die Zahl der Schoner nimmt mit steigendem Leistungslevel ab. Newcomer tragen also in der Regel eine komplette Schutzausrüstung.

Seit sieben Jahren trainiert Wegner mit Trainer Markus Schmidt

2012 hat die 30-jährige Jennifer Wegner zusammen mit ihrem Trainer Markus Schmidt das Sport Center Karlsruhe gegründet. Beide besitzen die Lizenz 12. Khan Muay Thai, die der B-Lizenz entspricht. Der 13. Khan Muay Thai ist die höchste Lizenzstufe. Schmidt arbeitet hauptberuflich im Sicherheitsgewerbe, Wegner als Controllerin beim Bauer Verlag. Außerdem bildet sich die junge Sportlerin mit den Maori-Tatoos aktuell zur Technischen Betriebswirtin weiter. Beim Sicherheitsdienst haben sich Jennifer Wegner und Markus Schmidt kennengelernt. Sie trainieren nun schon seit sieben Jahren zusammen.

„Viele unterschätzen sie“

Janine Burkart hat mit Jennifer Wegner zur gleichen Zeit mit Muay Thai begonnen und leitet heute das Kindertraining im Boxstudio. Sie erklärt den Unterschied zwischen den beiden befreundeten Sportlerinnen: „Das regelmäßige Training an mindestens drei Tagen in der Woche ist wichtig. Jenny hat das eingehalten. Außerdem ist Jenny ein richtiges Kraftpaket. Sie ist sehr schnell und kämpft konzentriert. Viele unterschätzen sie.“ Persönlich beschreibt Janine Burkart ihre Freundin als warmherzig, freundlich und zuverlässig. Sie sei einfach eine „gute Seele“ und ihr Kampfstil sei im Vergleich dazu eigentlich „genau das Gegenteil“. Jennifer Wegners Trainer beschreibt ihren Kampfstil als „aggressiv“. Sie sei „stärker als die anderen Mädels“. „The Machine“ ist der Kampfname, auf den Trainer Markus Schmidt seine Schülerin getauft hat. Über die eher zierliche Frau mit dunkelblonden Haaren sagt er schon einmal scherzeshalber „Du bist keine Frau“, weil sie sehr viel Power habe. „Sie will weiterkommen. Das sieht man auch beruflich. Sie muss gefüttert werden mit Inhalt. Sonst läuft sie leer.“ In der Vorbereitungsphase vor einem Wettkampf trainiert Jennifer Wegner fünf Mal in der Woche abends und zusätzlich zwei bis drei Mal in der Woche morgens. Nur mit einer streng getakteten Woche funktioniert die Vorbereitungsphase. Da Ruhe als Ausgleich und für die mentale Vorbereitung wichtig ist, geht Jennifer Wegner saunieren und zur Abwechslung mit Hund Tiger laufen. Mit den beiden Schäferhunden Tiger und Ronny und ihrem Partner lebt sie in Rastatt in der Nähe von Karlsruhe.

Wegner bleibt vorerst beim Amateursport

Der Trainer befürwortet es, den Amateur-Sport weiter zu verfolgen statt zu den Profis zu wechseln, weil er den Profisport kritisch sieht. Dort werden „die Sportler mehr gecastet, als dass die sportliche Leistung im Vordergrund steht.“ Für die Sportkarriere seien Aussehen und Vermarktungsmöglichkeiten wichtig. Auch wenn Jennifer Wegner einige Angebote unter anderem aus den USA bekommen hat, hat sie diese bisher nicht angenommen. „Wer beim Boxen eingekauft wird, spielt meist die zweite Geige. Das ist es nicht wert. Es geht viel ums Geld beim Boxen“, erklärt der Trainer.

Ausdauer, Beweglichkeit, Koordination und Schnelligkeit sind beim Thaiboxen gefragt

Die meisten offiziellen Muay Thai Titel-Kämpfe gehen über fünf Runden mit je drei Minuten. Eine Minute Pause haben die Kämpfer zwischen den Runden. Allerdings variieren die Vorgaben je nach Verband, Veranstaltung und Niveau der Sportler. Beim Muay Thai sind Ausdauer, Beweglichkeit, Koordination und Schnelligkeit gefragt. Bereits ein paar Kilogramm Körpergewicht mehr oder weniger sorgen für einen Bewegungsunterschied beim Kämpfen. Mit weniger Gewicht kämpft es sich beispielsweise wendiger und schneller. Deshalb achten viele Kampfsportler auf ihr Körpergewicht und die Ernährung. So auch die von oben bis unten durchtrainierte Jennifer Wegner – zumindest in der Vorbereitungsphase. Die Anforderungen an die Sportler spiegeln auch das Training wider: Technik-, Partner- und Zirkel-Training gehören genauso wie Pratzentraining mit Schlagpolster oder das Sandsack-Training dazu. Allerdings findet die Thaibox-Weltmeisterin für das Pratzentraining beim Sport Center Karlsruhe kaum geeignete Partner mehr, weil diese zu langsam für die Sportlerin sind. Deshalb trainiert Wegner viel alleine. „Sie bekommt so aber auch den Biss“ sagt ihr Trainer. Außerdem besuchen Trainer und Schülerin Sparringtreffs oder das Training der Nationalkader.

„Der Spaß am Sport ist meine größte Motivation“

„Talent ist, wenn du das trainierst, was dir Spaß macht“, sagt Markus Schmidt. Der Trainer erläutert: „Wer beim Thaiboxen einen Tag pausiert, fällt um eine Woche im Training zurück. Die einen ziehen beispielsweise den Partner oder Freunde vor oder eben die Couch. Die anderen lassen sich nicht beirren und ziehen ihr Training durch.“ Talent scheint also vor allem das Durchhaltevermögen und Durchsetzen der eigenen Ziele gegenüber anderen Interessen zu sein. Und die Motivation dazu kommt aus dem Inneren des Sportlers. Deshalb sei es wichtig, das zu trainieren, was Spaß mache. Und genau dieses Talent beweist Jennifer Wegner Tag für Tag. Wenn es für die Thaiboxerin im Training gerade nicht vorangeht, sucht sie sich andere Ziele mit anderen Aufgaben und Herausforderungen. Mit dem Wechsel des Blickwinkels macht sie etwas Anderes und damit etwas Neues. Damit komme der Spaß automatisch und es brauche auch kein innerer Schweinehund überwunden werden. „Der Spaß am Sport ist meine größte Motivation. Ohne diesen Spaß“, erläutert die Kampfsportlerin, „wäre ich nicht so erfolgreich. Dann könnte ich keine Leistung bringen.“ Ohne Spaß lasse man sich nicht auf Neues oder den Trainer ein. So käme man nicht vorwärts, erläutert die Sportlerin.

Skifahren und Snowboarden, später Judo und Tennis

Den Spaß am Sport hatte Jennifer Wegner schon früh entwickelt. Skifahren und Snowboarden hat sie schon begonnen, als sie noch gar nicht richtig laufen konnte. Der Vater war schließlich Skilehrer. Gebürtig kommt die Thaiboxerin aus Völkersbach bei Malsch im Schwarzwald. Mit ungefähr fünf oder sechs Jahren hat Wegner mit Judo begonnen. Dann kam Tennis als Leistungssport hinzu. „Das war sozusagen der Dorf-Sport.“ Auch die beiden älteren Geschwister waren immer sportbegeistert. Weil Jennifer Wegner Judo zu eintönig wurde, hat ein Freund sie mit zu Markus Schmidts Boxclub genommen. Das Umfeld habe immer positiv reagiert – egal bei welchem Sport.

Wegner will weiteren Amateur-Weltmeistertitel gewinnen

Aktuell steht Jennifer Wegner kurz vor ihren zwei nächsten und wahrscheinlich letzten Herausforderungen im Muay Thai: Im Dezember 2017 will sie einen Amateur-Weltmeistertitel verteidigen sowie einen weiteren Weltmeister-Titel gewinnen. Sie zählt die Ziele selbstsicher auf, zweifelt keinen Augenblick daran, sie nicht erreichen zu können. Ende November 2017 hat sie bereits bei der internationalen Deutschen Meisterschaft drei Titel gewonnen. In den Kampfsportarten Muay Thai, K1 und Grappling. Die Maori-Tattoos über der linken Schulter und dem linken Arm symbolisieren ihre Einstellung zum Leben und machen deutlich, wie die junge Frau Herausforderungen angeht. Das Sonnensymbol steht für ihren Optimismus und ihre Freude am Leben, mit dem Kompass behält sie die Orientierung im Auge und das umschließende Fischernetz steht für ihre Familie und Freunde aber auch für ihr Traditionsbewusstsein. „Team Tiger“ hat sich das Team im Sport Center Karlsruhe genannt. Deshalb ist „Tiger“ auch einer von Jennifer Wegners weiteren Spitznamen. Thaiboxer tragen traditionell den Clubnamen als Kampfnamen.

Mixed Martial Arts nach sieben Jahren Muay Thai

Nach sieben Jahren braucht Jennifer Wegner eine Veränderung. Im nächsten Jahr wird sie mit dem Kampfstil Mixed Martial Arts, kurz MMA, weitermachen. Schließlich sucht die junge Frau immer wieder neue Herausforderungen. Im Muay Thai wird sie diese aber nicht finden. Denn das nächst höhere Ziel wäre ein Olympiasieg. Im Dezember 2016 hat das Internationale Olympische Komitee die Kampf- und Kriegskunst zwar provisorisch anerkannt. Doch es müssen noch einige bürokratische Hürden genommen werden, damit der Sport olympisch wird und Jennifer Wegner wäre dann wahrscheinlich zu alt. Auch Amateur-MMA ist inzwischen anerkannt worden. Bei der Vollkontaktsportart MMA werden verschiedene Kampfstile eingesetzt. Erlaubt sind Clinchen, Werfen und der Bodenkampf. Der Genitalbereich darf nicht getroffen werden, Bisse sind nicht erlaubt. MMA sieht ein wenig wie Wrestling aus und wird in einem achteckigen oder runden MMA-Käfig gekämpft, damit die Kämpfer nicht herausfallen. Allein der Anblick des leeren immerhin gepolsterten MMA-Stahlkäfigs erscheint furchteinflößend – wie eine moderne Gladiatoren-Arena. Für die Laien erscheint dieser junge Kampfsport wahrscheinlich noch härter als Muay Thai.

„Tsch“, „Umff“, „Hmmpf“ machen die Kampfsportler, indem sie ihre Atemluft stoßartig aus sich auspressen. Die Atemtechnik hilft dabei, dass die Schläge des Gegners weniger wehtun und sie sorgt gleichzeitig für eine bessere Schlagwirkung. Die Laute machen die Sportler scheinbar beiläufig und routiniert. Angst habe Jennifer Wegner nicht, wenn sie beim Muay Thai oder später beim MMA in den Ring steigen wird. „Es ist ja Routine“ sagt sie unbeeindruckt.

Wegner hat ihr Ziel am 2. Advent 2017 erreicht und schreibt auf Facebook:

„WIR sind erneut WELTMEISTER !!!“

Trainingszeiten im Sport Center Karlsruhe

Montag
16:30 – 17:30 Kinder Thai- / Kickboxen (5-11 Jahre)
17:30 – 18:45 Jugend Thaiboxen & Grappling (11-17 Jahre)
19:00 – 20:00 Thaiboxen Ausdauertraining (ab 18 Jahren)

Dienstag
19:00 – 20:00 Thaiboxen Anfängertraining (ab 18 Jahren)
20:00 – 21:00 Thaiboxen Fortgeschrittenen Training (ab 18 Jahren)

Mittwoch
19:00 – 20:30 Thaiboxen Partner- & Pratzentraining (ab 18 Jahren)

Donnerstag
16:30 – 17:30 Kinder Thai- / Kickboxen (5-11 Jahre)
17:30 – 18:45 Jugend Thaiboxen & Grappling (11-17 Jahre)
19:00 – 20:00 Thaiboxen Anfängertraining (ab 18 Jahren)
20:00 – 21:00 Thaiboxen Fortgeschrittenen Training (ab 18 Jahren)

Trainingsort

Raum EB-U02 im Untergeschoss, Erweiterungsbau der Merkur Akademie

Erzbergerstraße 147/New-York-Straße
76149 Karlsruhe-Nordstadt

Größere Karte anzeigen

Der Beitrag entstand im Rahmen meines Fernstudiums Journalismus an der Freien Journalistenschule Berlin. Er erscheint auch in der Nordstadt-Zeitung, Ausgabe 82 im Dezember 2017.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.