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Talent suchen und entdecken: Philosophische Gedanken als Inspiration

Frank Rebmann: Der Stärken-Code. Die eigenen Talente entschlüsseln, anerkennen und weiterentwickeln

Dies ist ein Textauszug aus dem Buch „Der Stärken-Code. Die eigenen Talente entschlüsseln, anerkennen und weiterentwickeln“ von Frank Rebmann, 2017 erschienen im Campus Verlag.

Fragen als Richtungsweiser

Ob Sie zufrieden sind mit Ihrem Beruf, Ihrem Alltag, in Ihrer Ehe und in Freundschaften, ob Sie morgens mit einem Lächeln im Gesicht aufstehen, weil genau jene Aufgaben auf Sie warten, die Sie lieben, das hängt von den Fragen ab, die Sie sich stellen.

Ich glaube, viele Menschen hören zu früh auf zu fragen. Sie nehmen vorgefertigte Antworten als eigene Wahrheit an. Sie bauen Fassaden. Mit einer Berufsbezeichnung, die sich gut liest auf den Visitenkarten, mit Status und Machtsymbolen, die landläufig als Karrierefaktoren gelten. Sie wohnen in einem Haus, das die Bank für profitabel hielt und mitfinanziert. Sie hängen sich Kunst an die Wände, weil sie zum Interieur passt. Sie fahren ein Auto, das die Höhe des Gehalts spiegelt. Sie bewegen sich rund um die Uhr in einem Zeittakt, den andere vorgeben, hoffend, dieser Takt könnte sie im Leben ein Stück weiter nach vorne bringen. So schichten sie Stein auf Stein und freuen sich über Worte wie:

»Du bist weit gekommen.«

Dann nicken sie mit vermeintlicher Zufriedenheit und fragen sich insgeheim

»What’s next?«

und bauen weiter an der Fassade – bis sie selbst dahinter verschwinden, bis die Steine die eigene innere Ausstrahlung überragen.

Dann sind sie angekommen in der Nikomachischen Ethik von Aristoteles, in der alles Handeln auf ein Ziel ausgerichtet ist: auf die Vermehrung von Glück. Nur vergessen sie über dem Sammeln der Steine eines: Glück ist kein Statussymbol und nie eine Fassade.

Glück ist kein Statussymbol
und nie eine Fassade.

Die antiken Philosophen wollten Mauern einreißen. Sie wollten pure Gedanken triggern, die aus der inneren Quelle des Potenzials entsprangen. Sie wollten eine Anleitung bieten zur selbstkritischen Prüfung. Was wie ein Aufruf zur Attacke auf Herrscherstrukturen erschien, war in Wirklichkeit ein Aufruf zur Zufriedenheit.

Aristoteles zum Beispiel saugte die Gedanken von Sokrates geradezu auf und ergänzte sie um eigene Nuancen. Dieser Generalist selbst im modernen Sinne ermunterte seine Zuhörer, nicht zu handeln, um gute Ergebnisse zu erzielen, sondern um Freude zu erleben. Damit meinte er etwa Folgendes: Wenn ein Künstler ein Bild malt, dann geht es ihm nicht um das Endprodukt, sondern um den künstlerischen Prozess. Er zeichnet die Motive mit zarten Bleistiftstrichen vor, bestimmt die Perspektive, wählt weitere Materialien und Farben. Und während er arbeitet, verändert er seine Arbeitsweise, verwirft Entwürfe, beginnt von vorne. Er lässt sich ein auf einen Prozess, der ihn gedanklich in sein Potenzial aus Erfahrung und Wissen und Gefühlen führt. Er will etwas Eigenes schaffen. Er lässt das Bild Tag für Tag reifen. Jedes Detail ist ihm wichtig und jede Handbewegung führt er mit hoher Konzentration aus. In dieser Phase des Schaffens können Momente des Glücks entstehen. Die Summe dieser Momente werden ihn prägen, ihn weiter tragen bis zum letzten Pinselstrich. Er wird sich zeit seines Lebens an die Entstehung des Bildes erinnern, weil er seine Arbeit mit der Sinnlichkeit verband.

Diesen Zusammenhang zwischen Tätigkeit und Freude erkannte Aristoteles und packte diese Erkenntnis in einen schönen Satz, der wie eine Anleitung für sinnliches Arbeiten anmutet: »Was wir dann machen, machen wir um seiner selbst willen.«

Was wir dann machen,
machen wir um seiner selbst willen.

Die Entdeckung des Talents

Dann kamen die Römer. Auch sie fragten nach dem Sinn im Leben. Sie nahmen die Essenz der griechischen Philosophie durchaus an und fügten ihr weitere Nuancen hinzu, indem sie nach einem Anker trachteten, der ein Potenzial zum inneren Hafen machen könnte.

Seneca war der Erste unter ihnen, der diesem Anker einen Namen gab. Seneca entdeckte das Talent. Wem es gelingen würde, seine Tugend und seine Vernunft auf diese Basis zu stellen, der würde sich vom Schicksal nicht verdrießen lassen.

Solch kluge Gedanken schrieb er auf Papier und wurde damit zum Star-Autor der römischen Welt. Es ist nicht vermessen zu behaupten, dass er mit seinen systematischen Lehrbüchern die vermutlich ersten Ratgeber der Menschheit schrieb, die alle Merkmale eines guten Buches umfassten, nämlich die Reflektion und die Analyse und am Ende eine Anleitung zum Handeln. Seine Schriften zum Talent sollten unter anderem Gracian, Schopenhauer, Nietzsche inspirieren, seine Thesen sollten eingehen in die Talentforschung, die im Kern besagt: »Glücklich ist daher ein Leben, wenn es seiner Natur entspricht.« Der Satz ist ein Klassiker und die Formel, die sich daraus ergibt, lautet:

Talent = Gene × Umwelt.

Glücklich ist daher ein Leben,
wenn es seiner Natur entspricht.

Hinter dieser Formel verbirgt sich Ihre innere Landkarte im Gehirn, zusammengesetzt aus mehr als schätzungsweise 100 Milliarden Neuronen. Sie bilden Ihr Netz aus kognitiven, sozialen, kreativen und emotionalen Mustern.

Man könnte sagen, sobald ein Mensch nach seinem Talent wirkt, tanzen die Neuronen in beeindruckender Harmonie zusammen. Dann gibt es kein Zögern, keine Angst vor dem Versagen, keine Unsicherheit in den Schritten. Alles wird getragen von einer Leichtigkeit und Zuversicht.

Seneca übrigens hatte ein Talent für Sprache. Er fand Worte, die die Menschen berührten – und damit erweckte er den Neid des Kaisers Caligula. Dem Tod sprang der Weisheitslehrer nur knapp von der Schippe. Dafür wurde er nach Korsika verbannt und er hätte in der Einsamkeit verzweifeln können, hätte er nicht seinen unzerstörbaren Anker in sich gespürt. Seneca hielt sich daran fest, durchschrieb die Schicksalsjahre und schliff weiter an seinen Worten. So lange, bis sich schließlich Kaiserin Agrippina seiner erinnerte und ihn zum Lehrer des elfjährigen Sohnes Nero ernannte. Ein schwieriges Unterfangen, wie sich bald herausstellte, denn Nero war nicht zur Tugend geboren. Er sollte seinem Lehrer zunächst zu Reichtum verhelfen und ihm später den Gifttod verordnen.

Warum ich Ihnen das erzähle?

Weil Seneca sein Talent niemals aufgegeben hätte, um dadurch zu einem reichen, angesehenen, einflussreichen Mann zu werden. Er hätte unterwegs auf seinem Lebensweg an hundert Biegungen resignieren können. Er tat es nicht. Er lebte und starb für sein Talent.

Auch wenn ich Ihnen im folgenden Kapitel [im Buch „Der Stärken-Code“, Anmerk. d. Red.] nahelegen werde, sich keine Vorbilder zu suchen, sondern auf Ihre eigene Kraft und Kreativität zu bauen, so will ich Sie an dieser Stelle doch dazu verführen, sich von diesen philosophischen Gedanken inspirieren zu lassen. Sie können Wegweiser auf Ihrer Talentsuche sein und durchaus zu mehr Eigen-Sinn inspirieren.

Allzu oft vernachlässigen wir unser Potenzial, indem wir uns Aufgaben widmen, die nicht zu uns passen. Dann entschuldigen wir diese Wahl mit banalen Ausreden wie: Am Ende des Monats muss die Miete auf dem Konto sein.
Oder: Es könnte schlimmer kommen, ich könnte in der Arbeitslosigkeit landen.
Oder: Wenn ich dieses Projekt abgeschlossen habe, dann suche ich mir eine Aufgabe, die wirklich zu mir passt.

Was allerdings passiert, wenn wir derart unsere Talente für unliebsame Aufgaben opfern? Wir schlendern an unserem Lebenssinn vorbei. Nur nicht auffallen, nur nicht unbequem sein, nur nicht herausstechen aus der Menge. Dieses Motto scheint sich aktuell in vielen Unternehmen auszuweiten und ich halte diese Entwicklung für bedenklich. Denn ein Mensch, der seine Stärken ignoriert, der bleibt weit hinter seinen Möglichkeiten zurück.

Für Seneca wäre das undenkbar gewesen, für ihn wäre das schlimmer als der Tod. Seine letzten Worte erzählten von diesem Drama: »… daß ich nicht aufhöre, das Leben – nicht das ich führe, sondern das man nach meinem Wissen führen muß – zu preisen, daß ich die Tugend anbete und ihr, in ungeheurem Abstand, hinterherkrieche«.

Werden Sie zum Helden Ihres eigenen Lebens! Philosophen wollten zu allen Zeiten die leisen Helden sein, die andere Menschen zum Glück inspirierten.

… daß ich nicht aufhöre, das Leben –
nicht das ich führe,
sondern das man nach meinem Wissen führen muß –
zu preisen, daß ich die Tugend anbete und ihr, in ungeheurem Abstand, hinterherkrieche.

Ein Textauszug aus dem Buch

Der Stärken-Code: Die eigenen Talente entschlüsseln, anerkennen und weiterentwickeln

Der Stärken-Code
Die eigenen Talente entschlüsseln, anerkennen und weiterentwickeln
Frank Rebmann
Campus Verlag, 2017
Broschiert, 228 Seiten
ISBN 3593507366
€ 16,95 [D]

Buchtrailer: Der Stärken-Code von Frank Rebmann

Über das Buch

Das Buch will die Begeisterung eines Menschen für etwas (wieder) wecken und liefert dafür Denkanstöße und Ankersätze. „Der Stärken-Code“ hilft beim Entschlüsseln der eigenen Stärken – unter anderem mit dem Stärkentest im Buch. „Der Stärken-Code“ geht auch auf das Thema Selbstzweifel ein und zeigt Auswege. Worum es noch in dem Buch geht? Zum Beispiel um die Frage „Ist Glück eine Sache von Genen?“ Oder um die Big Five der Persönlichkeit.

Für wen das Buch ist

Dieses Buch ist für Menschen, die nach ihren Stärken suchen. Denn laut Frank Rebmann sind wir selbst dafür verantwortlich, was wir aus unseren Stärken machen. Eine Herausforderung. Es lohnt sich aber, diese anzugehen. Dabei will der Autor seine Leser*innen begleiten.

Quelle: Anette Rößler

Zitat aus dem Buch

Lebe so,
dass Du wollen kannst,
dass jeder Augenblick Deines Lebens
wiederkommen darf!

Friedrich Nietzsche

Frank Rebmann ist als Stärkentrainer für Führungskräfte und Beschäftigte zahlreicher Unternehmen der Industrie, Finanzdienstleistung und der IT-Branche tätig. Er berät, trainiert und schult in den Bereichen Mitarbeiterentwicklung, Veränderungsprojekte und Talent Management.

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