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Selbstständig leben in der Karlsruher Nordstadt – mit Mehrfachbehinderung möglich

WG-Bewohner Maike, Matthias und Dominik (von li. nach re.; eine weitere WG-Bewohnerin fehlt auf dem Bild)

Vor fünfzehn Jahren entstand in einem Vorreiter-Projekt Wohnraum für Menschen mit Mehrfachbehinderung im Wohngebiet Smiley West. Wie es heute den vier Bewohnern in der Karlsruher Nordstadt geht.

„Wir streiten manchmal, aber wir vertragen uns schnell“, sagt Dominik über seinen Talker, ein Sprachcomputer über den er kommuniziert, da er nicht sprechen kann. Er lacht dabei. Wie in jeder Wohngemeinschaft (WG) geht es auch in der ambulant begleiteten WG im Indianaring schon einmal turbulent zu – bis es schnell wieder gesellig wird. Hier leben vier junge Menschen, zwei Männer und zwei Frauen. Maike und Matthias waren von Anfang an dabei und konnten schon ihre barrierefreie Erdgeschosswohnung abgestimmt auf ihre Bedürfnisse planen. Dominik und eine weitere Bewohnerin folgten vor etwa zehn Jahren als Nachmieter auf zwei andere Bewohner.

Reha-Südwest als „Wegbegleiter“ für Ambulant Begleitetes Wohnen (ABW)

Wer die WG betritt, geht durch eine breite Eingangstür, die sich automatisch öffnet. Im Eingangsbereich parken mehrere Rollstühle. Im Flur, im Bad und in der Küche ist ebenfalls viel Platz – und es ist alles auf die Bedürfnisse der Bewohner abgestimmt: Es gibt eine befahrbare Dusche, höhenverstellbare Waschbecken sowie eine unterfahrbare Küche.

Entstanden ist die WG auf Initiative von vier Elternpaaren. Ihre Kinder kannten sich von der Schule für Körperbehinderte in Karlsbad. Die Kinder wurden größer und die Idee war, dass die erwachsenen Kinder ja auch alleine ohne die Eltern, zusammen in einer WG leben könnten. Es folgte eine lange Planungsphase, in der die Finanzierung mit den verschiedenen Kostenträgern verhandelt wurde, die Stadt vermittelt und die Volkswohnung das Vorhaben als Bauherrin realisiert hat. Die Reha-Südwest, ein Träger der Jugend- und Behindertenhilfe und Anbieter für Ambulant Begleitetes Wohnen, war von Anfang an der „Wegbegleiter“ bei diesem Projekt. 2003 zogen dann vier junge Menschen mit Mehrfachbehinderung in eine WG in das neu errichtete Mehrfamilienhaus in der Karlsruher Nordstadt.

„Wir wohnen so, wie es uns gefällt.“

Die vier sitzen gerne im Wohn- und Essbereich zusammen. Wer alleine sein möchte, zieht sich zurück in sein eigenes Zimmer – außer er oder sie hat gerade Koch- oder einen anderen Dienst. Wer was machen muss, ist auf einem Plan mit Bildern und Piktogrammen zu sehen. Schließlich wollen Wäsche-, Post- Tischdeck-, Müllrausbring- und Bad-putz-Dienst organisiert werden. Und es hängt aus, wer gerade in der WG unterstützend hilft. Eine pädagogische Fachkraft vom begleiteten Wohnen, eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter des Pflegedienstes der Reha-Südwest Ambulante Dienste – ISB sowie nachts eine Nachtwache sind die helfenden Personen. Ein Fahrdienst fährt sie zur Arbeit, aber auch die Straßenbahn wird oft genutzt. Schließlich ist die Infrastruktur in der Nordstadt gut. Und so kann Matthias eigenständig zur Physiotherapie gehen und Dominik auch einmal alleine mit der Straßenbahn seinen Vater besuchen fahren.

Teilhaben bedeutet, entscheiden zu können

Menschen mit Behinderung die Teilhabe zu ermöglichen, ist ein Ziel der UN-Behindertenrechtskonvention, die die Bundesregierung 2009 ratifiziert hat. Das neue Bundesteilhabegesetz wird seit 2017 schrittweise umgesetzt und möchte diese Teilhabe stärken. „Menschen mit Behinderung sollen entscheiden können, wo und mit wem sie leben“, erklärt Ulrike Nuß, Leiterin des Ambulant Begleiteten Wohnens. Sie hat das Wohnprojekt von Anfang an koordiniert und begleitet. Bereits seit 20 Jahren fördert die Reha-Südwest mehr Teilhabe im Bereich Wohnen und begleitet inzwischen 165 Menschen in Baden-Württemberg. „Speziell für Menschen mit einer schweren Mehrfachbehinderung ist es noch schwierig, geeigneten Wohnraum außerhalb eines Heimes zu finden“, erläutert die Sozialpädagogin.

Das für die Nordstadt relativ neue Wohngebiet Smiley West ist heute ausgebaut und es ist eine partnerschaftliche Nachbarschaft entstanden. So besuchen die WG-Bewohner etwa Einweihungspartys oder Hausfeste und nehmen selbstverständlich auch Pakete für die Nachbarn an – zumindest, wenn sie nach der Arbeit in den Werkstätten zu Hause sind. In der Freizeit gehen Maike und die anderen gerne ins Theater, zusammen in der Gruppe oder alleine – immer mit Begleitung. Manchmal begleitet sie ein Familienmitglied, oft auch eine Person, die ehrenamtlich hilft. Hier werden für die Freizeitbegleitung übrigens noch Ehrenamtliche gesucht, die Spaß haben, mit Menschen mit Behinderung die Freizeit zu verbringen. Ihre Leidenschaft teilen die Bewohner für den KSC. Maike liebt es, die Spiele zu sehen und Matthias hat sogar die Reifen seines Rollstuhls mit dem KSC-Emblem verschönern lassen. Teilhabe umzusetzen ist manchmal nicht einfach und erfordert gelegentlich auch Mut. Es ist vieles machbar – wie dieses Vorreiter-Projekt zeigt.

Dieser Beitrag entstand für die Nordstadt-Zeitung, Ausgabe 83 (März 2018).
Fünfzehn Jahre zuvor berichtete bereits Asgard Paech für die Nordstadt-Zeitung über dieses Projekt. Das war 2003, als der Bau des Mehrfamilienhauses im Wohngebiet Smiley West in der Karlsruher Nordstadt abgeschlossen wurde.

Anette Rößler liebt es, viel zu wissen. Bücher sowie guter Journalismus waren daher schon immer ihre Leidenschaft. Mit dem Internet lässt sich Wissen gut vernetzen, aber auch als unerschöpfliche Wissensquelle nutzen und teilen. Die Themen Natur und Nachhaltigkeit, Ernährung und Sport, Gesellschaft und Politik, Medien, Kommunikation und Digitalisierung liegen der Diplom-Sozialwissenschaftlerin und Diplom-Journalistin (FJS) am Herzen. Anette Rößler hat zwei Kinder.

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