ReiseReich

Prinzip Verantwortung oder ein Tag in Genf

Jet d eau

Vom Platz der Nationen geht es zum Hauptquartier des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Über (gedankliche) Begegnungen bei einer Exkursion nach Genf.

Donnerstag, 4. Juni 2009. Ein eindrucksvoller Vortrag soll uns im Hauptquartier des IKRK zum Nachdenken bringen. Wir sind eine Gruppe Studierender von der Universität Koblenz-Landau. Voller Enthusiasmus berichtet uns ein Mitarbeiter von seiner Arbeit. Von der Neutralität, zu der er verpflichtet ist, also der Verantwortung allen gegenüber – ob Terrorist oder nicht. Außerdem erfahren wir, dass das Symbol des roten Kreuzes auf weißem Hintergrund der einzige Schutz im Krisengebiet ist – denn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tragen keine Waffen. Der Helfer vom IKRK erzählt uns von den Vorbereitungen auf einen Einsatz, seinen Erfahrungen in Einsatzgebieten und vom Tod eines Kollegen. Ob er Familie hat und wie er mit dem allgegenwärtigen Tod umgehe, fragen wir ihn. Obwohl ihm das sehr nahe geht, erzählt er mit Elan weiter – von der Angst, die ihn auf Schritt und Tritt begleitet. Die Angst sei hilfreich und dürfe nie vergessen werden, bekräftigt er. Angst macht wachsam.

Eindrucksvoll, denke ich, er hat eine Familie und arbeitet dort, wo er Menschen sterben sieht – hinzu kommt der Kontakt zu den vielen hilfsbedürftigen Menschen in den Krisengebieten. Ich denke: Wenn jeder sich einige seiner Eigenschaften zu Eigen machen würde, wäre die Welt möglicherweise eine bessere.

„Jeder ist für alles vor allen verantwortlich.“ (Fjodor Michailowitsch Dostojewski)

„Jeder ist für alles vor allen verantwortlich.“ Dieses Zitat von Dostojewski ziert in großen Lettern an der Wand die Eingangshalle des Rotkreuz- und Rothalbmondmuseums in Genf. Hier wird sich der Verantwortung gestellt– so wirkt es auf mich. Und Verantwortung ist es auch, die der Genfer Geschäftsmann Henry Dunant übernahm und auf diese Weise die erste humanitäre Organisation der Welt gründete.

In einem Vorführraum des Museums erzählt ein Film seine Geschichte. Aufopfernd verhält Dunant sich, als er die Toten und Verwundeten nach der Schlacht von Solferino am 24. Juni 1859 sieht. Nach dieser Schlacht werden die Soldaten unversorgt ihrem eigenen Schicksal überlassen – niemand kümmert sich um sie. Doch Dunant sieht sich gezwungen, zu handeln. Er ruft die umliegende Bevölkerung zum Helfen auf und improvisiert so die wahrscheinlich erste Hilfsaktion der Geschichte.

Zu Hause in Genf lässt den Geschäftsmann das Gesehene nicht los und er veröffentlicht sein Buch “Eine Erinnerung an Solferino”. Darin verarbeitet er nicht nur seine Erinnerungen, sondern fordert außerdem eine Art Vertrag, der bis heute Gültigkeit behalten soll. Mit einem General, einem Juristen und zwei Ärzten verfasst Henry Dunant 1864 die Erste Genfer Konvention.

Das Recht im Krieg

Die „Genfer Konvention betreffend die Linderung des Loses der im Felddienst verwundeten Militärpersonen“ wird schließlich von 12 Staaten unterzeichnet. Heute gelten die vier Genfer Abkommen sowie drei Zusatzprotokolle als Grundlage für das so genannte Recht im Krieg (ius in bello). Es soll unter anderem verwundete Soldaten, Hilfskräfte und Zivilisten in Kriegen oder bewaffneten Konflikten schützen. Heute bekennen sich nahezu alle Staaten der Welt zu den Abkommen. Kontrolliert werden sie bis heute vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz.

Aber was nutzen solche Abkommen, wenn Staaten trotz allem dagegen verstoßen?

Die Berichterstattung zum Massaker von Srebrenica in den letzten Tagen holt mich wieder in die Realität zurück.

Das Massaker von Srebrenica

Im Juli 1995 spielen sich unglaubliche, ja eigentlich unmögliche Szenen im Europa des 20. Jahrhunderts ab. Im Bosnienkrieg errichten die Vereinten Nationen eine Schutzzone für die Bevölkerung in Srebrenica, die hauptsächlich aus Bosniaken besteht. Während der Sicherheitsrat über die Bewaffnung sowie die Verstärkung der Blauhelme streitet, übernimmt die Einheit der bosnischen Serben die Kontrolle über das umkämpfte Gebiet in der Region Ostbosnien. Vor den Augen der Welt dringen im Juli 1995 die bosnisch-serbische Armee und die Paramilitärs in die von den Vereinten Nationen errichtete Schutzzone ein und begehen den größten Völkermord auf europäischem Boden seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Bis zu 8.000 Bosniaken, meist Männer und Jungen, werden getötet, unzählige Frauen und Mädchen vergewaltigt.

Opfer und Justiz suchen jahrelang nach den Verantwortlichen. Trotz eindeutiger Fehler in der Weltführung  wollen weder die Vereinten Nationen noch die Niederlande, die die meisten der in Srebrenica stationierten Blauhelm-Soldaten stellte, Verantwortung für die Gräuel dieses Massakers übernehmen.

Immerhin sorgt der Internationale Strafgerichtshof der Vereinten Nationen für die Bestrafung der an dem Massaker direkt beteiligten Personen. Und immerhin war das Berufungsverfahren am Berufungsgericht in Den Haag der sogenannten Mütter von Srebrenica erfolgreich. Erst im Juni 2017 (!) wurde dem niederländische Staat eine Mitverantwortung an 350 Toten (!) des Massakers zugesprochen.

Vom Völkerbund zu den Vereinten Nationen

Gegenüber des Rotkreuz- und Rothalbmondmuseums befindet sich der Völkerbundpalast. Ein Symbol für ein internationales Ziel, Frieden in die Welt zu bringen. Der „Palais des Nations“ war Sitz des Völkerbunds zwischen 1933 und 1945. Der Völkerbund gilt als erster Versuch, eine internationale Friedensorganisation zu schaffen. Hervorgegangen ist er aus der Reaktion auf den Ersten Weltkrieg. Heute ist der Völkerbundpalast der europäische Hauptsitz der Vereinten Nationen, die wiederum eine Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg sind.

Es scheint mir, dass der Mensch nur aus den eigenen Erfahrungen schlauer werden kann. Eine Verbesserung der Welt basiert immer wieder auf Fehlern und Krisen der Menschheit. Dies müssen wir uns eingestehen.

„Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz menschlichen Lebens auf Erden.“ (Hans Jonas)

Menschliches und vor allem politisches Handeln ist wohl oft eine Reaktion auf bestehende Ungleichgewichte. Das Leben muss man vorwärts, um an Kirkegaards Gedanken anzuknüpfen. Also muss hier ein vorwärts gewandter Blick maßgeblich werden. Denn die Menschheit steht heute vor neuen Herausforderungen wie ökologischen Krisen oder die Entwicklungen in der Gentechnik. Auch in Hinblick auf den technischen Fortschritt muss der Mensch Verantwortung übernehmen. So hat bereits 1979 Hans Jonas sein Werk mit dem zu diesem Thema passenden Titel „Prinzip Verantwortung“ veröffentlicht und darin festgestellt: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz menschlichen Lebens auf Erden.“

Anmerkungen zur Reise

Die Exkursion einer Gruppe Studierender (Politikwissenschaft) nach Genf vom 1. bis zum 6. Juni 2009 wurde vom wissenschaftlichen Mitarbeiter Werner Dörr von der Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz organisiert.

Das Programm beinhaltete unter anderem:

  • World Trade Organization (WTO): Vortrag und Diskussion zur WTO und der Problematik des Welthandels aus der Sicht der deutschen Vertretung bei der WTO
  • International Labour Organization (ILO): Einführung und Vortrag zu Spezialprogrammen der ILO (Mikrokredite)
  • United Nations Organization (UNO): Führung durch den Völkerbundspalast (UN-Hauptgebäude, Sitzungssaal, Abrüstungskonferenz, Versammlungssaal des Völkerbundes) mit Erläuterungen zu den UN-Organisationen
  • United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR): Vortrag und Diskussion mit dem Leiter der Juristischen Abteilung des UNHCR
  • Internationales Komitee Vom Roten Kreuz (IKRK): Vortrag zu aktuellen Themen der Arbeit des IKRK, anschließend geführter Rundgang durch das IKRK-Museum
  • Musee de la Reformation: Ausstellung „Ein Tag im Leben Calvins
  • International Olympic Committee (IOC)-Museum in Lausanne

Genächtigt haben wir in einer Jugendherberge in Genf.

Über die Kunst-Idee Broken-Chair

Broken Chair auf dem Platz der Nationen

Broken Chair auf dem Platz der Nationen

Der Broken-Chair ist eine 12 Meter hohe Installation des Bildhauers Daniel Berset, der seit 1997 auf dem Place des Nations steht. Das von der Hilfsorganisation Handicap International beauftragte Kunstwerk appelliert an alle Nationen, Antipersonenminen zu ächten.

Sightseeing-Ideen

IKRK-Museum

Internationales Rotkreuz- und Rothalbmondmuseum (franz. Musée international de la Croix-Rouge et du Croissant-Rouge, MICR)Dieses Museum ist absolut ein Besuch wert. Sehr eindrucksvoll werden die Themen Krieg, Flucht und Vertreibung sowie Gewalt, politische Willkür und Krisen dargestellt.

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