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Digitalisierung: Grandios gescheitert – ein Textauszug

Prof. Dr. Elisabeth Heinemann

Die kabarettistische Kurzgeschichte „Grandios gescheitert“ aus dem Buch „Die Digitale Leichtigkeit des Seins“ der Autorin, Digitaloptimistin und Leiterin des Studiengangs Mobile Computing Prof. Dr. Elisabeth Heinemann. Viel Spaß!

Ich bin solidarisch, jawohl.

Und zwar mit Griechenland, Italien und Portugal, um nur einige zu nennen.

Ja, ich bin solidarisch, denn auch ich wurde herabgestuft. Genauer gesagt, mein Klout Score ist von 61 auf 52 gefallen. Und das nur wegen einer familiär angeordneten Social-Media-Zwangsenthaltsamkeit während der Weihnachtsfeiertage. Und wegen dieses ominösen »Zwischen-den-Jahren«, jenes magischen Zeitraums, in den man alles hineinpackt, was man in den 360 Tagen vorher nicht auf die Reihe gekriegt hat.

Sie kennen Klout gar nicht? Nun, das ist eine sogenannte Social- Awareness-Plattform, vereinfacht gesagt, ein Bewertungssystem, das misst, wie rege Sie in den sozialen Netzwerken, also auf Facebook, Twitter & Co. mit anderen analog Sprachlosen aktiv kommunizieren. Oder wie oft Sie Katzenvideos posten und Fotos vom Mittagessen wildfremder Menschen liken. Und natürlich vermerkt Klout auch, wie wohlwollend Ihre eigenen Kommentare, Fotos und Videos von anderen Reisenden in den unendlichen Weiten des World Wide Web zur Kenntnis genommen werden. Je mehr Sie liken, posten, sharen und tweeten, desto mehr Punkte gibt es. Das Ganze ist dabei so transparent wie die Notenvergabe beim Eiskunstlauf.

Herabgestuft. Und somit grandios gescheitert. Denn erst mit einem Klout Score von 60 plus gehört man dazu. Zur Netz-Elite. Ab 60 Punkten darf man beim Neujahrsempfang der Freiwilligen Feuerwehr Karlsruhe-Durlach damit angeben. Dann ist man wer. Dann hat man’s geschafft. Dann gehört man zum digitalen Establishment.

Unter 60 Punkten ist man ein Nichts. Digital nicht existent. Dabei ist im Internet aktiv zu sein heutzutage so wichtig. Und wenn, dann bitte auch richtig. Omnipräsent auf allen Kanälen – Multi-Digital. So wie unser Nachwuchs. Gemäß einer aktuellen Studie des Digitalverbands Bitkom sind nämlich nahezu alle Kinder ab einem Alter von 10 Jahren jeden Tag online. JEDEN Tag! Und die recherchieren da bestimmt nicht nur für die Hausaufgaben.

In den USA spielt der Klout Score bereits eine enorme Rolle. Wenn Sie beispielsweise bei einem Bewerbungsgespräch keinen gescheiten Klout Score vorweisen können oder erst gar nicht wissen, was das ist, dann ist Schicht im Schacht. Oder nehmen Sie das Thema Kundenservice. Es gibt Unternehmen, die ihre Reaktionsgeschwindigkeit bei der Bearbeitung von Nutzerbeschwerden auf Twitter künftig vom Klout Score desjenigen abhängig zu machen gedenken, der sich da beschwert. Hoher Klout Score, kurze Reaktionszeit – niedriger Klout Score, langes Warten. Eigentlich nichts Neues. Bei uns heißt das Prinzip »Privatpatient – Kassenpatient«.

Noch ein Beispiel: das Waldorf Astoria in New York. Dort werden Sie als Gast mit hohem Klout Score automatisch und ohne Aufpreis in die nächsthöhere Zimmerkategorie gebucht. Macht ja auch Sinn. Aus Sicht des Waldorf Astoria. Schließlich gehen die davon aus, dass Sie, als im Netz potentiell omnipräsente Person, ihr Glück über das fantastische Zimmer umgehend in die digitale Welt hinausposten. Das wiederum ist Reklame fürs Hotel und erhöht auch dessen Klout Score.

Eine große, international agierende Hotelkette soll das mit dem Zimmer-Upgrade bei einem Klout Score von 60 und mehr übrigens ebenso handhaben. Also buchte ich mich vor geraumer Zeit anlässlich einer Dienstreise in eines ihrer Münchner Hotels ein. Damals, vor diesem unsäglichen Weihnachten, als ich noch 61 Punkte hatte. An der Rezeption angekommen, nahm ich eine von der Magie des Moments ergriffene Haltung ein und sprach die junge Dame wie folgt an: »Mein Name ist Heinemann. Elisabeth Heinemann. Und für Ihre weitere Planung … 61!« Sie taxierte mich kurz von oben bis unten, schaute mich anschließend ein wenig irritiert an und entgegnete freundlich: »Herzlich willkommen in unserem Haus, Frau Heinemann. Und wenn ich mir erlauben darf, das zu sagen: Sie haben sich wirklich gut gehalten.«

Ich mache es kurz. In der darauffolgenden halben Stunde erläuterte ich nicht nur der Rezeptionistin, sondern zwei weiteren Kollegen und der zuständigen Dame im Management, um was es sich beim Klout Score handelt und wie ihr Haus eigentlich international damit umgehe. Selbstredend hatte sich die US-amerikanische Vorgehensweise noch nicht bis nach Deutschland herumgesprochen und so war ich am Ende meines Lehrvortrags in der Tat froh, überhaupt noch ein Zimmer zu erhalten. Freilich ohne Upgrade.

Nee, nee, das passiert mir nicht mehr. Deshalb werde ich auf Twitter, Google+ und Facebook gleich mal kundtun, dass es meine digitalen Plaudereien nunmehr in analog-gedruckter Form gibt. Dann können meine Freunde die überaus frohe Botschaft zahlreich liken, retweeten und anschließend zuhauf sharen.

Ein Textauszug aus dem Buch

Die digitale Leichtigkeit des Seins von Elisabeth Heinemann

Die digitale Leichtigkeit des Seins.
Kabarettische Kurzgeschichten
Elisabeth Heinemann
Der Kleine Buch Verlag, 2016
Gebundene Ausgabe, 80 Seiten
ISBN: 978-3-7650-9116-2
€ 14, 90 [D]

Prof. Dr. Elisabeth Heinemann ist eine renommierte deutsche Vortragsrednerin, Leiterin des Studiengangs Mobile Computing M.Sc. an der Hochschule Worms und Autorin. Darüber hinaus ist sie die weltweit einzige Informatikprofessorin, die als Kabarettistin erfolgreich auf der Bühne steht. Mit ihrem musikalisch gewürzten Programm unterhält sie ihr Publikum nicht nur mit intelligentem Wortwitz und weiblichem Charme, sondern vermittelt auch humorvoll leicht verständliches Fachwissen in Sachen „Digitale Welt“. Elisabeth Heinemann lebt mit ihrem Lebensgefährten in Darmstadt.

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