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Die Zeitpillen aus „Der Kleine Prinz“ – die Interpretation eines Zeitforschers

Bunte Jelly Belly

Angenommen, es gäbe eine Zeitpille, mit der sich Zeit auf wundersame Weise einsparen ließe. Was würden Sie mit den gewonnenen Minuten, Stunden, Tagen tun wollen? Eilig weitermachen wie bisher? Mehr vom Gleichen schaffen? Etwas ganz Anderes, Neues anpacken? Oder es langsamer angehen? Auspannen? Flanieren und der Muße frönen?

Eine hinreißende Antwort gab schon vor rund 70 Jahren Antoine de Saint-Exupéry in „Der kleine Prinz“, einem der 20 meistgelesenen Bücher der Welt. Es ist seit 2015 gewissermaßen vogelfrei, weil die Urheberrechte verjährt sind. Und Exupérys liebenswertes wie zeitlos faszinierendes Buch wird wohl inflationäre Neuauflagen und so manch zweifelhafte Neuübersetzungen erfahren. In Kapitel XXIII (Ausgabe 1950, Verlag Arche Zürich) kreuzt der Pillenverkäufer den Weg des Prinzen…

„Guten Tag“, sagte der kleine Prinz.

„Guten Tag“, sagte der Händler.
Er handelte mit höchst wirksamen, durststillenden Pillen.
Man schluckt jede Woche eine und spürt überhaupt kein Bedürfnis mehr, zu trinken.

„Warum verkaufst du das?“
sagte der kleine Prinz.

„Das ist eine große Zeitersparnis“,
sagte der Händler.
„Die Sachverständigen haben Berechnungen angestellt.
Man erspart dreiundfünfzig Minuten die Woche.

„Und was macht man mit diesen dreiundfünfzig Minuten?“

„Man macht damit, was man will…“

„Wenn ich dreiundfünfzig Minuten übrig hätte“,
sagte der kleine Prinz,
„würde ich ganz gemächlich zu einem Brunnen laufen…“

Zeit is(s)t Geld

In der Figur des Pillenverkäufers bringt Exupéry seine Zeit- und Zivilisationskritik schlicht, aber brillant zum Ausdruck. Zeit ist Geld. Effizienz ist alles. Minutiös wird der Mensch den Taktschlägen der Maschinen unterworfen, alles muss schnell gehen. Pillen zu schlucken geht schneller, als Wasser zu trinken. Und mit Pillen lässt sich viel Geld verdienen. Pillen stören auch den durchgeplanten Arbeitsablauf weniger als Wassertrinken. Der Mensch ist getaktet und ökonomisiert. Das jedenfalls sind die Bilder einer vor allem im früheren 20. Jahrhundert weit verbreiteten Zivilisationskritik. Einer Zeit, in der die Industrialisierung Europa vollends erfasst hatte.

Und heute? Lamento wie Glorifizierung halten sich im Techno-Zeitalter die Waage. Und die kommende Total-Digitalisierung – Stichwort Industrie 4.0 bzw. Arbeitswelt 4.0 – wird ohnedies jegliche Gewohnheiten über den Haufen werfen. Jedenfalls, wenn man Prognostikern Glauben schenken will. Fakt ist jedenfalls, dass die Zeitnöte und Widersprüche schon oder auch im heutigen 2.0 und 3.0 reichlich wuchern. Und Exupérys Pillenhändler ist eiliger und geschäftiger denn je unterwegs.

Das Zeitglück beim Schopf packen

Die Zeitpillen-Story hat auch deshalb eine zeitlose Relevanz, weil sie mit Achtsamkeit zu tun hat. Und Achtsamkeit hat wiederum viel mit dem Bewusstsein zu tun, dass wir allein die Qualität von Zeit verändern können – und niemals die Quantität. Denn eine Stunde hat, ob wir das wollen oder nicht, exakt 60 Minuten und eine Minute 60 Sekunden. Wir können ebendiesen 60 Sekunden pro Minute nicht mehr Länge geben. Aber wir können ihnen mehr Tiefe und Gehalt geben, also mehr Qualität.

Und Qualität hat per se wenig bis nichts zu tun mit einem Schneller, Höher, Weiter. Es geht nicht um ein Verdichten, sondern um ein Vertiefen. Nicht um ein Einsparen, sondern um ein Sparsamer, Sorgfältiger. Es geht um den achtsamen Umgang mit unserer Zeit, um das Wahrnehmen von einzigartigen Momenten und Gelegenheiten. Denn in Wirklichkeit können wir keine Zeit sparen oder verlieren, sondern nur Gelegenheiten! Gelegenheiten, die sich uns oft nur ein einziges Mal bieten und einen unbezahlbaren Zeitschatz in sich bergen. Im Volksmund heißt es ja treffend: Das Glück beim Schopf packen!

Zurück zur Geschichte „Der Händler“

Übrigens: Der in der Wüste notgelandete Pilot machte sich mit dem kleinen Prinzen auf die Suche nach rettendem Wasser. Erst hoffnungslos, weil es sinnlos schien, auf gut Glück in der Endlosigkeit der Wüste einen Brunnen zu finden. Aber bestimmte Schätze bleiben verborgen, wenn man sie nicht mit dem Herzen sucht. Und es mache die Wüste schön, dass sie irgendwo einen Brunnen berge, so der kleine Prinz. Er schlief ein. Der Pilot nahm ihn auf seine Arme und ging nachts weiter:

„Und während ich so weiterging, entdeckte ich bei Tagesanbruch den Brunnen.“

Verlag Dr. Kovač, Tempo all´arrabbiata © Franz J. Schweifer

Zeit-Idee

Achtsam sein

In seinem Buch „Tempo all´arrabbiata“ schreibt Schweifer:
„Nicht die Zeit macht uns fertig,
sondern das Tempo.
Ein achtsamer Umgang könnte zeitheilsam sein
und sinnvoll entschleunigen.“

Daher lautet eine Zen-Weisheit auch:
„Wenn du eine Zwiebel schälst, schäle sie.
Wenn du Tee trinkst, trinke Tee.
Wenn du isst, dann esse.“

Weitere Zeit-Gedanken von Franz J. Schweifer

„Die Seele braucht Zeit, sonst schrumpft sie.“

„Am Ende meines Lebens auf der Erde
sollen keine Fragezeichen stehen,
sondern einfach ein Punkt.“

„So kurz es uns auch erschien,
wir hatten genug Zeit,
um sie uns zu schenken.“

Schweifer unterstützt als stellvertretender Vorsitzender den „Verein zur Verzögerung der Zeit“ der Universität Klagenfurt, ein Netzwerk von Zeit-Interessierten.

Buch-Ideen

Bücher von Autor Franz J. Schweifer

Lese- und Geschenk-Idee

Der kleine Prinz

Als Buch-Geschenk ist „Der kleine Prinz“ für erwachsene und kleine Kinder oder für sich selbst immer geeignet.

Oder ihr lest die ganze Geschichte „Der Händler“ und noch weitere aus „Der kleine Prinz“ online. Außerdem Inhaltsangaben, Interpretationen, Zitate.

Freizeit-Idee

„Petit Prince“-Freizeitpark bei Straßburg in Frankreich

Also ich will da auf jeden Fall hin!

Der Park ist meist geöffnet von Ende März bis Ende Oktober.
Achtung: Der Park ist nur im Juli und August durchgehend jeden Tag geöffnet.

Der Zeitforscher, Buchautor und FH-Lektor Franz J. Schweifer ist Inhaber der „ManagementOASE. Coaching. Training. Consulting.“ Als Berater und „Temposoph“ beschäftigt er sich vor allem mit den Themen Zeit, Achtsamkeit, Selbstmanagement und Selbstführung, Resilienz, Stress, Werte- und Generationenmanagement. Dazu leitet er auch Seminare und Workshops. Einer von Schweifers Leitsätzen frei nach Laotse lautet
„Wenn du eine Wahrheit hast, denke dir ihr Gegenteil – erst dann hast du die ganze Wahrheit.“

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