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Die Tyrannei der Arbeit oder die Suche nach dem guten Leben

Buchcover "Tyrannei der Arbeit" von Ulrich Renz

Ulrich Renz prangert die menschenunfreundliche Arbeitswelt an und hält ein Plädoyer für mehr Müßiggang anstelle einer 70-Stunden-Woche. Auf der Suche nach dem guten Leben stellt er die richtigen Fragen und er präsentiert seine Gedanken, um dem Arbeitswahn zu entkommen. Eine Buchrezension zu „Die Tyrannei der Arbeit“ von Ulrich Renz, erschienen 2017 als aktualisierte Neuauflage im Sefa Verlag.

Wer in seiner Vita zu seinem „Müßiggang in Paris“ als eine Lebensstation steht, ist heute (noch) ein Exot. Wenn es sich dabei aber um den Autor eines Buchs handelt, der „die Tyrannei der Arbeit“ anprangert, dann beweist das vor allem die Glaubwürdigkeit des Autors. Ursprünglich Mediziner liefert der nun als freie Autor arbeitende Ulrich Renz mit seinem aktuellen Buch eine Gesellschaftskritik. Er diagnostiziert die Prinzipien, nach denen die postindustrielle Arbeitswelt funktioniert und das, was sie mit dem Privatleben der Arbeitnehmer*innen macht.

Moderne Arbeiter*innen schwingen selber die Peitsche

Ulrich Renz geht auf die Kulturgeschichte der Arbeit ein – in Deutschland und in der Menschheitsgeschichte – mit all ihren Auswirkungen auf die Arbeitswelt: Arbeit wird flexibel, mobil und findet in einer entspannten Umgebung statt. Die Kollegen und das Unternehmen wachsen zu einer Familie zusammen. Die Mitarbeiter*innen werden zu eigenverantwortlichen und selbstbestimmten Leistungsträgern und Wissensarbeitern, während Arbeit an den Kunden ausgelagert wird. Viele Aspekte klingen positiv und moderne Mitarbeiter*innen profitieren von diesen gesellschaftlichen Veränderungen. Ulrich Renz macht in diesem Zusammenhang aber ausschließlich auf die Fehlentwicklungen aufmerksam: Unter anderem auf die schlechten Chancen der Bildungsverlierer auf dem Arbeitsmarkt, die Auflösung der Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und Privatleben, familienunfreundliche Bedingungen, die gestiegene Arbeits- und Lebensarbeitszeit, die Unter- und Überforderung der Beschäftigten. Im Mittelpunkt steht der modern arbeitende Mensch, der keine Peitsche mehr braucht. Denn „er selber ist es, der die Peitsche schwingt.“

Der Mensch – autonomes Wesen oder Anhängsel der Wirtschaft?

Der Autor beschreibt aktuelle Debatten mit den bekannten Argumenten. Zum Beispiel die Debatte rund um den Einfluss der Generation Y auf die Arbeitswelt oder die um die Berufstätigkeit von Frauen mit all ihren Facetten (Gehaltsgefälle zwischen Frauen und Männern, wenig Frauen in Führungspositionen u.a.). Ulrich Renz belegt seine Ausführungen mit vielen Zahlen. Die Quellenangaben und Anmerkungen beziehen sich meist auf Artikel in Zeitschriften oder Zeitungen. In der ersten Ausgabe sind sie nicht im Buch, sondern auf der Webseite zum Buch zu finden. In der aktuellen Ausgabe von Dezember 2017 sind die Quellenangaben auch im Anhang des Buchs zu finden.

Ulrich Renz beschreibt seine Thesen poin­tiert. Zum Beispiel, wenn er meint, dass „die Diskussion um neue Arbeitsverhältnisse in Wirklichkeit nur vordergründig eine Geschlechterdebatte ist“ oder fadenscheinig durch die Generation Y angeheizt wird. Seiner Ansicht nach verläuft die Konfliktlinie nämlich „zwischen den privaten Interessen des Einzelnen und den Interessen der Wirtschaft. Und dabei geht es letztlich um die Frage, ob der Mensch ein autonomes Wesen in seinem eigenen Recht ist oder ein Anhängsel der Wirtschaft.“

Träume und Realität verbinden

Ulrich Renz gibt einige persönliche und politische Anregungen, um seine Träume mit der Realität zu verbinden. Dabei rechnet er zum Beispiel grob vor, dass Arbeitnehmer*innen weniger arbeiten könnten (30-Stunden-Woche), wenn sie nur auf ihr Auto verzichten würden (6.000 Euro Einsparung pro Jahr). Oder zweieinhalb Wochen mehr Urlaub im Jahr machen könnten, wenn sie sich mit dem Bedarf an Wohnraum zufriedengeben würden, mit dem sich auch die Elterngeneration zufriedengeben musste. Anders formuliert: Geld ist Zeit, wobei der durchschnittliche Privathaushalt eigentlich genug davon hat. Und ein hoher Lebensstandard macht nicht automatisch glücklich. Auch eine weise Feststellung: „Nicht Geld, sondern Zeit ist unser kostbarstes Gut.“

Was bedeutet Elite?

Das Besondere an dieser Gesellschafts- und Kapitalismuskritik sind die Fragen, die Ulrich Renz stellt.  Es sind die richtigen, die eine andere Denke hervorbringen. Ein Beispiel: „Warum bezeichnen wir eigentlich ausgerechnet Menschen als unsere Elite, die von morgens bis nachts unter Druck stehen, Leistungs-, Erfolgs- und Zeitdruck?“

Nicht Geld,
sondern Zeit ist unser kostbarstes Gut.

Für wen das Buch ist – Leseempfehlung

„Die Tyrannei der Arbeit“ kann als ein unterhaltsames und komprimiertes Management- oder Führungs-Handbuch gelesen werden. Fallen bei der Beschreibung der modernen Arbeitswelt doch Begriffe und Beschreibungen des modernen Managements wie die Konzepte Commitment, Mission Statement oder Teamarbeit. Im Allgemeinen gibt der Autor die vielen Fakten der modernen Arbeitswelt in einer blumigen Sprache und mit viel Humor wieder. Dieses Buch ist eine Einladung zur Suche nach dem guten Leben. Es sorgt für neue Antworten, nachdenkliche Erkenntnisse und Unterhaltung gleichermaßen!

Die Tyrannei der Arbeit

Wie wir die Herrschaft über unser Leben zurückgewinnen

Die Tyrannei der Arbeit:
Wie wir die Herrschaft über unser Leben zurückgewinnen
Ulrich Renz
Sefa Verlag, 2017
Taschenbuch, 296 Seiten
€ 9,99 [D]

Buch und Autor

Die Themen des Buchs

Aus dem Inhaltsverzeichnis:

1. Das Ende der Arbeit?
2. Der neue Klang der Arbeit
3. Frei?Zeit?
4. Die Suche nach dem Sinn
5. Das Leiden an der Arbeit
6. Zivilisationskrankheit Arbeit
7. Die lange Geschichte der Arbeit und die kurze Geschichte ihrer Verherrlichung
8. Aktive Menschen auf der Suche nach Selbstverwirklichung
9. Ein Held in unserer Zeit: Der Homo guttenbergensis
10. Kindheit als Casting
12. Neue Chancen?
13. Wird Arbeit weiblich?
14. Mehr Leben wagen
15. Ausgestiegen?

Mehr zu den Themen des Buchs und den Quellen, lest ihr auf der Seite arbeitswahn.de. Dort findet ihr Zahlen und Statistiken sowie Vorwort und Inhaltsverzeichnis des Buchs sowie Textauszüge aus anderen Werken und Vorträgen des Autors als Downoald.

Über die Arbeit von Ulrich Renz

Ulrich Renz realisiert mit seiner Frau Kirsten Bödeker im 2013 gegründeten Sefa Verlag Buchprojekte. Die Bücher richten sich an Familien mit Kindern. Im Vordergrund stehen die Kinderkrimiserie Motte und Co (inkl. Unterrichtsmaterialien für Deutsch & Band 1 kostenfrei als Download) und die zweisprachigen Bilderbücher „Schlaf gut, kleiner Wolf“ und „Die wilden Schwäne“.

Weiterer Lesegenuss

Das erste Buch von Ulrich Renz über die Arbeit.

Sein Lieblingskapitel könnt ihr auf seiner Seite lesen [frei].

Der Titel: Privatiers, Dilettanten, Müßiggänger


Der Autor Stefan Klein studierte Physik und analytische Philosophie in München, Grenoble und Freiburg.

Er schreibt, weil er »die Menschen begeistern wollte für eine Wirklichkeit, die aufregender ist als jeder Krimi«.

Mit Erfolg. Er schreibt Bestseller, die ausgezeichnet wurden.

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