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Das Pflaumenhuhn

Pflaumenhuhn, illustriert von Klaus Ensikat aus Peter Hacks, Der Flohmarkt. Gedichte für Kinder © 2017 (2001) Eulenspiegel Kinderbuchverlag, Berlin

Das Gedicht „Das Pflaumenhuhn“ des 2003 verstorbenen Lyrikers und Kinderbuchautors Peter Hacks. Es geht um das Anderssein und die Folgen daraus, wenn niemand hilft. „Das Pflaumenhuhn“ sowie weitere Kindergedichte des preisgekrönten Autors findet ihr im Buch „Der Flohmarkt: Gedichte für Kinder“, das 2016 im Berliner Eulenspiegel Kinderbuchverlag erschien.

In Pleischte lebte einst ein Huhn,
Das Ärgernis erregte,
Weil es (was Hühner sonst nicht tun)
Statt Eier Pflaumen legte.

Es gackerte und legte froh
Die Pflaumen rot und dicklich.
Doch schien den Dorfbewohnern so
Ein Pflaumenhuhn nicht schicklich.

Sogar die Bäurin fand es dumm
Und briet bei großen Feiern
Verdrießlich und mit viel Gebrumm
Rührpflaumen statt Rühreiern.

Der Bauer sagte rundheraus,
Sehr unbekömmlich schmeckten
Gekochte Pflaumen, die, o Graus!
Im Eierbecher steckten.

Und kurz und gut und jedenfalls
Und ganz im allgemeinen:
Das arme Pflaumenhuhn fand, als
Es Freunde brauchte, keinen.

Die Köchin, die in ihrem Sinn,
Was sie nicht kennt, verachtet,
Die hat mit einem Dolch aus Zinn
Das Pflaumenhuhn geschlachtet.

In Plauschte stand ein Pflaumenbaum
An einem alten Weiher,
Der trug (ich wags zu sagen kaum),
Der trug statt Pflaumen Eier.

Die Eier waren zweifellos
Im Plauschter Land die besten.
Sie waren frisch und weiß und groß
Und hingen an den Ästen.

Doch reiften herbstlich ringsherum
Die Äpfel, Birnen, Feigen,
Dann fielen, plim, dann fielen, plum,
Die Eier von den Zweigen.

Sie fielen Mädchen auf den Kopf
Und Buben auf die Mützen.
Und oftmals trat ein dummer Tropf
In tiefe Gelbeipfützen.

Und kurz und gut und jedenfalls
Und ganz im allgemeinen:
Der arme Eierbaum fand, als
Er Freunde brauchte, keinen.

Der Tischler meint, ein Eierbaum
Verderbe gute Sitten.
Er hat ihn für den Frühstücksraum
Zu Möbelholz zerschnitten.

So büßten sie und litten sie,
Weil es die Ordnung heischte:
Der Eierbaum aus Plauschte wie
Das Pflaumenhuhn aus Pleischte.

Und nie ward jemals einem kund,
Wer diese zwei vertauschte:
Das Pflaumenhuhn aus Pleischte und
Den Eierbaum aus Plauschte.

Aus Peter Hacks, Der Flohmarkt. Gedichte für Kinder
© 2017 (2001) Eulenspiegel Kinderbuchverlag, Berlin

Bild von Klaus Ensikat aus Peter Hacks, Der Flohmarkt. Gedichte für Kinder
© 2017 (2001) Eulenspiegel Kinderbuchverlag, Berlin

Ein Gedicht aus dem Buch

Der Flohmarkt: Gedichte für Kinder

Der Flohmarkt: Gedichte für Kinder
Peter Hacks (Autor) & Klaus Ensikat (Illustr.)
Eulenspiegel Kinderbuchverlag, 2016
Gebundene Ausgabe, 80 Seiten
€ 14,99 [D]

Altersempfehlung: 5-7 Jahre

Über das Buch

Frau Tausendfuß hat Wäsche, der Laubfrosch ist bettlägerig, der Herbst steht auf der Leiter und ist ein froher Malersmann …

Von Tieren und Menschen, großen historischen Personen und kleinen gewitzten Kindern, von tausend Dingen, die es zwischen Himmel und Erde und im Land der Fantasie gibt, erzählt Peter Hacks in seinen Kindergedichten. Viele sind aus Schulbüchern oder als Lieder bekannt und teils Volksgut geworden.

Die Gedichte laden ein zum Bummel über einen Markt der Poesie, auf dem wunderbare Schätze zu heben sind.

Die Gedichtsammlung »Der Flohmarkt«, erstmals 1964 erschienen und von Klaus Ensikat im Jahr 2001 neu illustriert, gehört heute zu den Klassikern der Kinderliteratur.

Über Klaus Ensikat

Klaus Ensikat ist am 16. Januar 1937 in Berlin geboren und ein deutscher Grafiker und Illustrator. Ensikats Grafiken erschienen in Zeitschriften der DDR wie dem „Das Magazin“ und „Eulenspiegel“. Neben Werken von Peter Hacks, J.R.R. Tolkien, Mark Twain und anderen illustrierte er vor allem zahlreiche Kinderbücher. Von 1995-2002 war er Professor für Zeichnen an der Fachhochschule Hamburg. 1995 erhielt er den Kinderliteraturpreis und 1996 wurde sein Lebenswerk mit dem international bedeutendsten Kinderbuchpreis gewürdigt, dem Hans-Christian-Andersen-Preis.

Quelle: Eulenspiegel Kinderbuchverlag

 

Peter Hacks, Lyriker, Dramatiker, Essayist und Kinderbuchautor, geboren 1928 in Breslau, promovierte 1951 in München und ging 1955 nach Berlin, DDR. Einige seiner Dramen sind deutsche Bestseller. Einige sind europäische Erfolge; das »Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe« ist ein Welterfolg. Literaturpreise: Lessingpreis 1956, F. C. Weiskopf Preis 1965, Kritikerpreis der BRD 1971, Nationalpreis der DDR II. Klasse 1974, Nationalpreis der DDR I. Klasse 1977, Heinrich Mann Preis 1981, Alex-Wedding-Preis 1993, Deutscher Jugendliteraturpreis 1998. 1972 wurde er in die Akademie der Künste gewählt, aus welcher er 1991 austrat. Bis zu seinem Tod am 28. August 2003 lebte Peter Hacks in Berlin.

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