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Das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation: Von Gefühlen und Bedürfnissen

Wut und Ärger: Gut umgehen mit starken Gefühlen von Annette Auch-Schwelk

Dies ist ein Textauszug aus dem Buch „Wut und Ärger: Gut umgehen mit starken Gefühlen“ von Annette Auch-Schwelk, 2018 erschienen als Haufe TaschenGuide.

Sagt jemand etwas zu uns oder tut er etwas, das uns verletzt, neigen viele von uns dazu, gleich zu kontern und zurückzuschießen. Es ist so, als ob wir einen unsichtbaren Bogen samt Köcher mit uns herumtrügen, in dem Giftpfeile sind, die wir blitzschnell abfeuern können. Manchmal schießen wir auch, obwohl unser Gegenüber keinen Anlass dafür setzt. Wir schießen aus Frust, aus Lust und Laune, aus Langeweile, aus Wut … Der andere schießt zurück und schon sind wir mittendrin im Gemetzel. Jedoch führen diese gegenseitigen Verletzungen zu keinem Ergebnis. Sie hinterlassen nur eine vergiftete Atmosphäre. Doch was tun, um gar nicht erst einzusteigen in den sinnlosen Kampf? Hier kann die sogenannte Gewaltfreie Kommunikation weiterhelfen.

Marshall B. Rosenberg, der Begründer des Konzepts der Gewaltfreien Kommunikation (GFK), war ein international tätiger Mediator: Er wurde als Vermittler in Krisen- und Kriegsgebieten eingesetzt, unter anderem in Israel, Palästina und Ruanda. Seine Erfahrungen führten ihn zur Erkenntnis, dass die Art und Weise unseres Sprechens eine entscheidende Rolle bei unserer Fähigkeit spielt, einfühlsam zu bleiben, ob sich Kommunikation destruktiv oder konstruktiv entwickelt. Sehen wir uns anhand eines Beispiels an, wie Gewaltfreie Kommunikation funktioniert.

Beispiel:

Lisa arbeitet als Personalverantwortliche in einem Konzern. Eine ihrer Aufgaben ist es, Bewerbungsgespräche zu führen. Ihre Bürotür ist immer geöffnet, nur bei den Gesprächen mit Bewerbern ist sie geschlossen. Jeder in der Abteilung weiß dann, dass Lisa nicht gestört werden möchte. Nur einer ignoriert diese Regel: ihr Chef. Er kommt häufig, ohne an die Tür zu klopfen, herein und unterbricht die Bewerbungsgespräche meist für Fragen, die etwas später auch noch beantwortet werden könnten. Lisa ärgert dieses Verhalten sehr. Sie empfindet es als rücksichtslos, ignorant und unhöflich. Bisher hatte sie sich nicht getraut, ihren Chef darauf anzusprechen. Doch als er nun zum gefühlt 100. Mal mitten in ein Bewerbungsgespräch platzt, hat sie genug! Gleich nach dem Gespräch stellt sie ihren Vorgesetzten im Flur. Zornig brüllt sie ihn an, dass die Giftpfeile nur so fliegen: »Herr Dieters, Sie kommen immer in mein Büro ohne anzuklopfen! Ständig stören Sie mich bei meinen Bewerbungsgesprächen. Das nervt!«.

NEIN – HALT – STOPP

NEIN – HALT – STOPP – bitte so nicht! Es ist sehr fraglich, ob Lisa mit ihrem Wutausbruch viel bei ihrem Chef erreichen wird. Falls ja, jedenfalls nichts Positives. ƒ

»Sie kommen immer …«

Vielleicht ist der Chef von Lisa tatsächlich neun Mal ins Büro gekommen, ohne zu klopfen, doch das zehnte Mal hat er angeklopft. Selbstverständlich wird er sich daran erinnern. Vermeiden Sie Wörter wie »ständig«, »immer« oder »Nie machen Sie …« – solche absoluten Schuldzuweisungen führen zu nichts! Es ist, als ob Sie einen schleimigen Ball auf den anderen werfen. Selbstverständlich hat Ihr Gegenüber keine Lust diesen anzunehmen. ƒ

Der Ton macht die Musik.

Keiner von uns möchte angebrüllt werden. Wir sehen das als Angriff und gehen dann – je nach Veranlagung und Persönlichkeit – selbst zum Angriff über oder ziehen uns zurück.

Um das alles zu vermeiden, empfiehlt das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation Folgendes:

1. Teilen Sie Ihre Beobachtung anhand einer konkreten Handlung mit.

Wichtig ist hierbei: Vermeiden Sie Bewertungen, Beurteilungen oder Interpretationen.

Beispiel: Lisa könnte sagen: »Gestern, Herr Dieters, sind Sie in mein Büro gekommen. Ich war gerade im Gespräch mit einem Bewerber. Sie haben mich nach den Ergebnissen vom Meeting am Montag gefragt.«

2. Spüren Sie in sich hinein:

Was löst die Situation bei Ihnen aus? Nehmen Sie Ihr Gefühl wahr und benennen Sie es mit einer Ich-Botschaft:

  • »Ich bin …«
  • »Das hat bei mir …/macht mich …«
  • »Ich fühle mich …«

Beispiel: Lisa könnte sagen: »Das irritiert mich.«, oder: »Ich fühle mich dadurch im Bewerbungsgespräch gestört.«

3. Nennen Sie jetzt Ihr Bedürfnis.

Beispiel: Lisa könnte sagen: »Wenn ich Bewerbungsgespräche führe, schließe ich meine Bürotür. Es ist mir wichtig, dass ich in dieser Zeit nicht gestört werde und Ruhe für das Gespräch habe.«

4. Bitten Sie um eine konkrete und erfüllbare Handlung.

Beispiel: Lisa könnte sagen: »Aus diesem Grund bitte ich Sie, wenn meine Bürotür geschlossen ist, zu einem anderen Zeitpunkt wiederzukommen.«

5. Sie können Ihre Bitte um einen Lösungsvorschlag ergänzen.

Beispiel: Lisa könnte sagen: »Hinterlassen Sie mir gerne auf meinem Anrufbeantworter eine Nachricht und ich rufe Sie gleich nach dem Bewerbungsgespräch zurück.«

Konzept der Gewaltfreien Kommunikation

Konzept der Gewaltfreien Kommunikation

Ein Textauszug aus dem Buch

Wut und Ärger: Gut umgehen mit starken Gefühlen

Wut und Ärger
Gut umgehen mit starken Gefühlen
Annette Auch-Schwelk
Haufe TaschenGuide, 2018
Taschenbuch, 128 Seiten
ISBN 3648107623
€ 7,95 [D]

Ein Textauszug aus dem Buch

Erfolgreich mit Selbstbewusstsein: Das "Ich bin Ich" Prinzip

Erfolgreich mit Selbstbewusstsein
Das „Ich bin Ich“ Prinzip
Annette Auch-Schwelk
Haufe Fachbuch Verlag, 2014
Taschenbuch, 239 Seiten
€ 24,95 [D]

Annette Auch-Schwelk ist Inhaberin der Auch-Schwelk GmbH und als Coach, Rednerin und Autorin aktiv. Seit 1998 ist sie in der Weiterbildung tätig, auch als Führungskraft. 2004 macht sie sich selbstständig mit dem Schwerpunkt Persönlichkeitsentwicklung. Sie verfügt über zahlreiche Ausbildungen, u. a. zum „Integrativen Coach” (European Coaching Association). Annette Auch-Schwelk meint, alle Menschen sollten eine „Löffelliste“ haben. So wie sie im Film "Das Beste kommt zum Schluss" vorkommt.